Rheinisches Ärzteblatt 02/2023

18 Rheinisches Ärzteblatt / Heft 2 / 2023 Behandlungsbetten immer die Hälfte freizuhalten, weil sie nun täglich 50 bis 70 frisch Verletzte aufnehmen müssen, je zur Hälfte Zivilistenund Soldaten. Nach einer chirurgischenErstversorgungwerdendie Patientennach wenigen Tagen ins Landesinnere verlegt. Im Distriktkrankenhaus der Stadt sind 100 nierenkranke Patienten auf ihre regelmäßige Dialyse angewiesen, die einzige Klinik im großen Umfeld, die diese lebenserhaltende Therapie anbietet. Fast täglich erreichen verzweifelte Zivilisten das Büro von MSF, die es gerade noch geschafft haben, aus ihren Dörfern herauszukommen, die in der Kampfzone eingeschlossen sind, direkt zwischen den Feindeslinien. Dort müssen die übrigenDorfbewohner ausharren, manche, weil sie nicht fliehen können, andere, weil sie nicht wollen. Aber sie haben keinen Strommehr, keinWasser, keine Nahrungsmittel und keine Medikamente. Die Geflüchteten zeigen uns ListenmitMedikamenten, die sie dringendbenötigen. Es hat sich herumgesprochen, dass wir Hilfe anbieten. 100.000 Tote und Verletzte Die wirkliche Dimension dieses Krieges zu erfassen, ist nicht möglich. Die humanitäre Situation ist angespannt: jeweils rund sieben Millionen Menschen sind nach Angaben des Amtes der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) innerhalb der Ukraine vertrieben oder über die Landesgrenzen geflohen. Die Gesamtzahl der offiziell bestätigten Kriegsopfer gibt die Wirklichkeit nicht wieder, seriöse Schätzungen gehen von 100.000 Toten und Verletzten aus, auf beiden Konfliktseiten. Das ukrainische Gesundheitssystem kann die drängendsten kriegschirurgischen Herausforderungen bisher einigermaßen bewältigen. Allerdings gibt es Engpässe. Mit Kriegsbeginn am24. Februar sind die Zahlen der COVID-19-Erkrankungen auf null gefallen. Aber nicht, weil die Pandemie plötzlich zu Ende ging, sondern weil die Testungen um 90 Prozent zurückgingen. InKiewnehmen imSpätsommer 2022dieCOVID-19-Fälle in den Krankenhäusern wieder zu. Aber auch andere Infektionskrankheiten wie Hepatitis, HIV und Tuberkulose sowie chronischen Erkrankungen werden nicht mehr ausreichend behandelt. MSF versucht, überall dort zu unterstützen, wo Lücken sichtbar werden, und unsere Hilfe gebraucht wird. Mit hundertenmobilen Klinik-Einsätzen nahe der Frontlinie oder während der ersten Monate in den U-Bahn-Schächten in Charkiw. Vor allem die Behandlung chronischer Erkrankungen und psychosozialer Beschwerden kommt zu kurz. In Zusammenarbeit mit der ukrainischen Staatsbahn haben wir einen medizinischen Zug auf den Weg gebracht, der verletzten Patienten in westlichen Landesteilen die notwendige Behandlung ermöglicht. MSF baute dafür Personenwagen zu medizinischen Abteilen um. Dieser große Eisenbahnkrankenwagen ermöglicht es den Ärzten und Pflegenden, auch schwerkranke Patienten, die Sauerstoff oder eine intensivmedizinische des Landes, zur Front bringtmichder Nachtzug. Morgens erreiche ich die Hafenstadt Odessa, von dort geht es mit dem Auto zu unserem Team in Mykolajiw. Nach der Begrüßung müssen wir wegen Raketenalarm gleich in den Schutzbunker. Anders als in der Hauptstadt hören wir hier erst die Einschläge und dann die Sirenen, die Flugdauer ist einfach zu kurz. Tag und Nacht begleitet uns nun das tiefe Grollen der Bombeneinschläge, meist sind sie weiter entfernt. Von den 500.000 Menschen haben fast dieHälfte die Stadt verlassen, die Schulen, dieUniversität und die Krankenhäuser wurden bombardiert, alle Bildungseinrichtungen sind geschlossen. Das Stadtbild prägen wenige, meist alte Menschen, aber keine Kinder. Der Klinikdirektor eines Notfallkrankenhauses in Mykolajiw berichtet mir, dass in den vergangenen 200 Kriegstagen nur vier ohne Angriffe auf die Stadt vergangen seien. Dann zeigt er mir das Krankenhaus, das durch einen Bombenangriff am 1. August schwer beschädigt wurde. Das passt ins Bild. DieWeltgesundheitsorganisation (WHO) verzeichnet imDurchschnitt täglich mehr als zwei Angriffe auf das Gesundheitswesen und als Folge Dutzende Verletzte und Tote. In der Klinik in Mykolajiw versuchen sie, von ihren verbleibenden 340 Spezial Tausende Menschen mit Amputationen bedürfen dringender und umfassender Unterstützung. Neben der Kriegschirurgie sind das früh- rehabilitatorische Maßnahmen und eine psychologische Behandlung. Foto: Ärzte ohne Grenzen Chemical-Biological-Radiological-Nuclear Emergency und ist neu für MSF, aber angemessen für den Kontext. Per Online-Modul wird kurz durch die verschiedenen Gefahren-Szenariengeführt undwas imKatastrophenfall zu tun wäre. Danach bekommen alle einen Rucksack ausgehändigt mit Schutzkittel, Gasmaske und Notfallmedikamenten, diesenmüssenwir immermit uns tragen. In der Ukraine geht es auf Straßen und Schienen weiter, der Luftverkehr wurde kriegsbedingt längst eingestellt. EndeAugust 2022 fahre icherstmals indenSüden

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