Rheinisches Ärzteblatt 02/2023

Rheinisches Ärzteblatt / Heft 2 / 2023 19 Das Schlimmste: Er durfte nicht schreien Einer dieser Patienten ist Timofej, ein 27-jähriger Soldat, der gut englisch spricht und mir gerne und offen Auskunft gibt. Er war Ende Juni in der Nähe von Cherson an einem Flusslauf unterwegs, als er kurz vor Mitter- nacht auf eine Landmine trat. Zuerst empfand er keinen Schmerz, sackte aber zusammen. Wegen der Dunkelheit konnte er das Ausmaß seiner Verletzung nicht erkennen, aber seineUnterschenkel nichtmehr spüren. Dann schossen die Schmerzen ein und er merkte, wie er Blut verlor und schnell etwas tun musste, um nicht zu verbluten. Timofej hatte Tourniquets zum Abbinden von Gliedmaßen imRucksack, aber weil auch seine Hände verletzt waren, konnte er sie nicht anlegen. Ein Kamerad half ihm, dannmusste er stundenlangwarten, bis er geborgen wurde. Das Schlimmste war für ihn, so berichtet er mir, dass er nicht schreien durfte. Das hätte die feindlichen Truppen auf sie aufmerksam gemacht. Später lehnte er Schmerzmittel ab, weil er sein Bewusstsein nicht verlierenwollte. Der jungeMann verlor sein linkes Bein, das rechte wurde schwer verletzt. Dennoch erinnert er sich an jede Sekunde, seit er auf die Mine trat. Ein anderer Patient ist Anatolie, der zunächst unverletzt wirkt. Er ist 32 Jahre alt. Die letzten sechs Monate war er pausenlos an der Front, von seiner 120-köpfigen Truppe haben nur 13 überlebt, zudem verlor er zwei Brüder und vier Onkel und viele seiner Freunde. Wann und wie genau er verletzt wurde, daran kann er sich nicht erinnern, sein Rücken zeigt Narben von Splitterverletzungen. Schlimmer als diese sind seine furchtbaren Schmerzen am gesamten Körper, er kann nicht mehr schlafen. Auch unsere Physiotherapeuten sind ratlos, jede kleinste Berührung tut ihmweh, diemit den äußerenVerletzungennicht erklärbar sind. Hier drücken sich vor allem die seelischen Traumatisierungen aus. Seit Oktober beschädigenunzählige Bombenangriffe die ukrainische Infrastruktur massiv, die Strom- und Wärmeversorgung bricht vielerorts zusammen und erschwert das Überleben der Menschen im Winter. Das gilt auch für die Krankenhäuser, die auf Generatoren angewiesen sind, die überall fehlen. Mitte November erreichten MSF-Teams als erste die von ukrainischen Truppen zurückeroberte Stadt Cherson und konnten innerhalb einer Woche über 600 medizinische Konsultationen durchführen, besonders Menschen mit chronischen Erkrankungen sind betroffen. Und weil auch die Psychiatrische Klinik schwer getroffenund vonder Energieversorgung abgeschnitten wurde, half MSF, die 400 Kranken in Bussen und mit der Bahn in Einrichtungen entfernt von der Frontlinie zu evakuieren. Anatolie und Timofej haben ihre schweren Verletzungen überlebt, wenn auch knapp. Für die künftigen Opfer dieses Krieges bleibt nur die Hoffnung, dass irgendwann Frieden möglich wird. Und auch wenn ein Ende dieses grausamen Krieges nicht abzusehen ist, die Hoffnungen auf eine Friedenslösung sollten nicht begraben werden. Behandlung benötigen, unterwegs zu versorgen. Somit können Krankenhäuser in oder nahe der aktiven Kriegsgebiete Betten freimachen, um neue Verwundete aufzunehmen. Seit Beginn des Projekts am 31. März 2022 konnte dermedizinische Evakuierungszug in 80 Fahrten über 2.600Kranke transportieren, davon sind 43 Prozent akute Trauma- und zehn Prozent Intensiv-Patienten. Unser Team besteht aus 800 ukrainischen und internationalen Mitarbeitenden. Ein weiteres Projekt haben wir seit Juni in enger Zusammenarbeit mit demMinisterium für Sozialpolitik begonnen, um demente, behinderte und bettlägerige Menschen aus ihren spezialisierten Institutionen zu evakuieren. Diese liegen inder Nähe der Frontlinie, daher besteht eine direkte und unmittelbare Bedrohung durchGranatenbeschuss oder das Fortschreiten der Bodenkämpfe. Hinzu kommen der Mangel an Strom, Heizung, Wasser- und Lebensmittelversorgung, die durch den Krieg und denWinter bedingt sind. Vor einer Evakuierung der Betroffenen imDonbass und in der Region Saporischschja führen wir eine individuelle medizinische und psychiatrische Untersuchung durch, einschließlich der Einwilligungsfähigkeit. Dies ist eine komplexe Herausforderung, da diese Menschen auf denmeist zweitägigen Transport gut vorbereitet und beimWechsel der Unterkunft auch psychologisch unterstützt werden müssen. Nach einem festgelegten medizinischen Protokoll werden die Patienten mit einem Krankenwagen zuunseremmedizinischenZug gebracht, der sie dann inwestukrainische Regionen transportiert. Mit Ambulanzfahrzeugen werden sie anschließend in Pflegeeinrichtungen gebracht, wowir sie einenweiteren Monat lang betreuen. Über 120 dieser Evakuationen haben wir bisher durchgeführt. Frühe Physiotherapie für Amputierte Eine der größten Nöte sind die unzähligen Kriegsverletzungen, tausende Menschen mit Amputationen bedürfen dringender und umfassender Unterstützung. Neben der Kriegschirurgie sind das frührehabilitatorische Maßnahmen und eine psychologische Behandlung. Eine moderne Physiotherapie wurde in der Ukraine zwar 2015 eingeführt, aber erst in diesem Jahr umgesetzt. Bisher war es üblich, die Patienten nach mehrwöchigen chirurgischen Behandlungen in Sanatorien zu verlegen, wo sie dann weitere Wochen stationär mit Hydrotherapie, Elektrostimulation und Massagen ein standardisiertes Programm absolvierten. MSF arbeitet inzwischen mit zwei großen Kliniken in Kiew und Winnyzja zusammen, nachdem wir zuvor monatelang Kontakte geknüpft und Vertrauen aufgebaut haben. Unser Ansatz ist, nach wissenschaftlichen Erkenntnissen ab der zweitenWoche nach Akuttrauma mit frühen und mit speziell angepassten individuellen Behandlungen Patienten gemäß ihrer Verletzungsmuster zu helfen, inklusive Vor- und Nachbereitung bei Prothesenversorgung. Mittlerweile konnten unsere Teams über siebenhundert Sitzungen durchführen, mit guten Ergebnissen. Spezial

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