Rheinisches Ärzteblatt 02/2023

22 Rheinisches Ärzteblatt / Heft 2 / 2023 Interview generation hat häufig Lebensentwürfe, die sich von denen unterscheiden, die vor 25 Jahren vielleicht üblich waren. Viele sind nichtmehr bereit, 50,manchmal 60 Stunden und mehr in der Woche zu arbeiten, was früher indenPraxen gang und gäbewar. Das ist ein genereller Trend, nicht nur bei der wachsendenGruppe der angestelltenÄrztinnen und Ärzte, sondern zeigt sich genauso im Krankenhaus und bei Praxisinhabern. Allein um den Status quo zu halten, brauchen wir 20 bis 30 Prozent mehr Ärztinnen und Ärzte. Wir spüren diese Entwicklung sehr deutlich in der hausärztlichen Versorgung, eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich in der fachärztlichen Versorgung ab. Wie kannmandiesenTrendaufhalten? Bergmann: Wir unternehmen schon seit Jahren große Anstrengungen, junge Kolleginnen und Kollegen ins System zu holen - auch inKooperationmit unserer Schwesternkörperschaft in Westfalen-Lippe, mit den Kammern und mit dem Gesundheitsministerium. Das tun wir zum Beispiel über den Strukturfonds, über Instrumente wie den Quereinstieg undbesondere Fördermaßnahmen, die schon bei Medizinstudierenden ansetzen und über die Weiterbildung fortgesetzt werden, bis hin zu unseren umfassenden individuellen Beratungsangeboten. Hier gibt es durchaus Erfolge zu vermelden. Wir müssen diese Anstrengungen aber nun ebenso in den fachärztlichen Bereich ausrollen, weil sich dort ebenfalls – wenn auch etwas zeitversetzt – die gleichen demografischen Probleme zeigen. Zur Attraktivität des Arztberufes in freier Praxis gehört aber fraglos unter anderem ein gesichertes und verlässliches Auskommen in allen Fachdisziplinen.Weitere Zukunftsfragenbetreffenden Umgang mit MVZ und Investoren und wie freie Praxen gegen diese bestehen können. König: Was darüber hinaus indennächsten Jahren auf uns zukommen wird, ist das, was aktuell unter der Überschrift „Ambulantisierung“ diskutiert wird. Das ist ja ein Wunsch aus dem politischen Raum, aber man hat oftmals das Gefühl, dass dies eher Lippenbekenntnisse sind. Dass sich der ambulante Bereich verändern wird, liegt auf der Hand. Wir werden in den nächsten JahrenSchließungenunddas Zurückfahrenvon Leistungen in Krankenhäusern erleben. Viele dieser vormals stationären Leistungen und ärztlichen Ressourcenwerden zwangsläufig ins ambulante System integriert werdenmüssen. Dieser Ausbauder ambulanten Versorgung ist richtig und notwendig. Es ist eine große KV ist Nordrhein in der Verantwortung, dort Einfluss zunehmenund auch darauf hinzuwirken, dass sich etwas verändert. Es gab nun erste Anläufe auf Bundesebene in Form einer Klausur mit allen KVen, auf die jetzt die nächsten Schritte folgen müssen. Denn nur mit dem öffentlichen Aufstellen von Forderungen ist es ja nicht getan. Es muss zu spürbaren Veränderungen kommen. Für dieses Vorhaben haben wir sehr viel Raum und sehr viel unserer Arbeitszeit vorgesehen. Sie stehen beide vor einer neuen Amtszeit. Wo sehen Sie neben dem Reformbedarf bei der Honorarsystematik in den nächsten Jahren weitere große Herausforderungen? Bergmann: Eine ist mit Sicherheit die alternde Gesellschaft und damit einhergehend besondere Anforderungen an das Gesundheitssystem– in der Pflege, aber natürlich auch in der haus- und fachärztlichen (geriatrischen) Versorgung. Das Zweite ist, dass die demografischen Veränderungen natürlichauchdieÄrzteschaft betreffen– im Krankenhaus genauso wie im vertragsärztlichen Bereich. In der Generation der Babyboomer steht uns eine große Verrentungswelle bevor. Viele KolleginnenundKollegen werden indennächsten Jahren ihre ärztliche Tätigkeit einstellen. Wir bilden zwar viele junge Ärztinnen und Ärzte aus, aber die heutige Medizinerim Krisenmodus arbeiten, zu 150 Prozent funktionieren und jetzt erleben müssen, dass die Politik sie gewissermaßen am langen Arm verhungern lässt. Und dann werden mit dem Wegfall der Neupatientenregelung ab 2023 auch noch Leistungen gekürzt … Bergmann: Vor einigen Jahren hielt unser jetziger Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach noch flammende Reden für die Einführung der Neupatientenregelung und redete eine Zeitenwende herbei, weil GKV-Versicherte nun schneller einen Termin bekommen sollten – was de facto auch eingetreten ist. Wenn so ein wirksames Instrument zur Verbesserung der Patientenversorgung nach gut zwei Jahren wieder kassiert wird, dann ist das erratische Politik und nicht mehr nachvollziehbar. Nach so einer Häufung von Krisen, die wir mit den Praxen bewältigt haben, ist jetzt ein Punkt erreicht, an dem die Kolleginnen und Kollegen von der Politik ein deutliches Zeichen sehen möchten. Es geht dabei nicht umDankdafür, dass wir engagiert unsere Arbeit gemacht haben. Es geht darum, dass die berechtigten Forderungen – wie sie jede andere Berufsgruppe ebenfalls stellt – auch in der medizinischen Versorgung verwirklicht werden. Auch die Kassen verschließen sich diesen Forderungen. Der mühsamerrungene Honorarabschluss für 2023 ignoriert die hohen Kosten, die die Praxen jetzt und nicht erst in zwei Jahren unter anderem für Energie und Inflationsausgleich stemmen müssen. Ist dieses Honorarsystem mit der nachgelagertenBerücksichtigungbetriebswirtschaftlicher Kostenfaktoren noch zeitgemäß? Bergmann: Die Frage, wie es mit den ärztlichenHonorarenweitergeht, treibt uns in der Tat um. Viele unserer Kolleginnen und Kollegen fragen berechtigterweise, ob das System in dieser Form für uns noch haltbar ist. Und die Antwort heißt: nein! Denn es ist offensichtlich nicht mehr in der Lage, mit den bisherigen Regelwerken dieWeiterentwicklung der Finanzierungs- und Vergütungssystematik so zu gestalten, dass Ärztinnen undÄrzte damit zurechtkommen können. Was bedeutet das aktuell und für die kommenden Jahre? Bergmann: Es steht völlig außer Frage, dass im Bereich Honorar Änderungen erforderlich sind – die natürlich auf Bundesebene gestaltet werden müssen. Aber als Erfolglose Proteste: Der Wegfall der Neupatientenregelung wurde beschlossen. Foto: Amin Akhtar | FVDZ

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