Rheinisches Ärzteblatt 02/2023

Rheinisches Ärzteblatt / Heft 2 / 2023 23 Interview unzureichender Finanzierung,mit demAuslaufen von Zertifikaten, der Notwendigkeit, neue Konnektoren anzuschaffen, obwohl längst nachgewiesen ist, dass man sie ja updatenkönnte – ja, wirwürden eine durchdachte Digitalstrategie durchaus begrüßen. Allerdings ist dies verbunden mit der Hoffnung, dass diese Strategie dann auch trägt und funktioniert und das hält, was sie verspricht – nämlich eine Verbesserung und eine Entlastung für Patientinnen und Patienten, aber ebenso für die Praxen. Eine Strategie, die darin mündet, dass man ein Rezept nicht mehr auf einem kleinen rosa Zettel, sondern auf einem großen DIN-A4Blatt als QR-Code ausdruckt, ist keine Digitalstrategie. Hier warten wir also mit Spannung, wie die Politik die Digitalisierungnunanpackenwill. Einkleiner Hinweis ausNordrhein: Die Politik sollte ihren Fehler nicht wiederholen und über die Köpfe der späteren Anwender hinweg agieren. Oberste Richtschnur müssen Praxistauglichkeit und reibungslose Funktionalität sein. Und dieMessemuss natürlich vondenenbezahlt werden, die sie bestellen. Das Interview führten Thomas Lillig und Jana Meyer Bezirkssozialdienst unter dem moderneren Etikett „Gesundheitskiosk“ mit den Praxen zusammenarbeiten kann, ist auch das eine gute Idee. Wir brauchen im Grunde Teampraxen, also Praxen, an die andere Gesundheitsberufe und -angebote andocken können, mit denen es eine organisierte Kooperation gibt, etwa in Form einer Delegation ausgehend von der Arztpraxis. Dies ist vor allem sinnvoll in Stadtteilen mit Familien, die aus unterschiedlichen Gründen keinen oder einen nur eingeschränkten Zugang zur Versorgung haben. Mittelpunkt der medizinischenVersorgungmuss aber die haus- und fachärztliche Praxis bleiben. Die Erbringung ärztlicher Leistungen inGesundheitskiosken lehnen wir ohne Wenn und Aber ab. Auch bei der Digitalisierung will die Bundesregierung mehr Tempo machen. Sie hat für Anfang des nächsten Jahres eine Digitalstrategie angekündigt. Wie schätzen Sie das ein? Bergmann: Über eine belastbareDigitalstrategie würden wir uns freuen. Nach all dem „Trial and Error“ der letzten Jahre und den ganzen Flops, die wir erlebt haben mit verspäteter Lieferung von Konnektoren, die anschließend nicht funktioniert haben, mit auch imSinne der Patientinnen und Patienten, dass Leistungen, die ambulant erbracht werden können, so auch erbracht werden sollten. Aber das bedeutet natürlich, dass ebenso das Geld in diese Richtung fließen muss. Ein Bereich, in dem die Verzahnung stationärer und ambulanter Versorgung schon ganz gut funktioniert, ist die Notfallversorgung. Nordrhein ist hier bereits sehr weit gekommen mit den Portalpraxen, die es imRheinlandmittlerweilenahezu flächendeckend gibt. Ein Erfolgsmodell? Bergmann: Wir sind in der Notfallversorgung durch das Prinzip der Portalpraxen gut aufgestellt. DerWeg der Kooperationmit den Krankenhäusern war der richtige. Die konkrete Zusammenarbeit mit den Kliniken war in allen Regionen problemlos möglich, um eine arbeitsteilige Vorgehensweise zu etablieren. Daswar ein erster ganzwichtiger Schritt, auf den weitere folgen müssen, um die Notfallversorgung gut aufzustellen. Was braucht es noch? Bergmann: Es zeigt sich – das sieht man exemplarisch in den großen Städten wie Köln –, dass wir insgesamt noch an der Steuerung arbeiten müssen. Dazu gehört eine einheitliche Ersteinschätzung der Behandlungsbedarfe sowohl bei der 112, bei der 116 117 als auch amKrankenhaustresen. Patientinnen und Patienten gehen zunehmend bei Beschwerden direkt in die Klinik, egal, zuwelcher Uhrzeit, egal, mit welchem Problem. Sie betrachten das als den einfachstenWeg, zügig versorgt zuwerden. Das kann aber auf Dauer nicht funktionieren. Notdienstmuss Notdienst bleibenundnicht Regelversorgung – dafür haben wir andere Strukturen. Deshalb bedarf es einer stärkeren Steuerung der Patientinnen und Patienten in die adäquaten Versorgungsbereiche. Das soll über die Callcenter der 116 117 passieren, aber auch vermehrt über digitale Plattformen, die derzeit ans Netz gehen. In diesen Tagen macht das Bundesgesundheitsministerium viel mit neuen Vorhaben von sich reden. Eines ist die Errichtung von 1.000 Gesundheitskiosken. Eine gute Idee? König: Der Ansatz, bestimmte Personengruppen – insbesondere in strukturschwachen Gebieten und Großstädten – besser ins Gesundheitssystem zu steuern, ist sinnvoll. Das ist im Grunde das, was bislang die Bezirkssozialdienstemachen. Wennman dann ein Stückchen weiterdenkt, dass dieser Dr. Frank Bergmann • Facharzt für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie und forensische Psychiatrie aus Aachen • Seit 2017 Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein • Von 2001 bis 2016 erster Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Nervenärzte sowie Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde und von 2011 bis 2016 Vorsitzender der Vertreterversammlung der KV Nordrhein Dr. Carsten König, M. san. • Facharzt für Allgemeinmedizin in Düsseldorf • Seit 2017 stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein • Bis 2017 Mitglied im Vorstand der Kreisstelle Düsseldorf der KVNO sowie Mitglied im Vorstand der Ärztekammer Nordrhein Fotos: Malinka | KVNO

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