Gutachtliche Entscheidungen
66 | Gutachtliche Entscheidungen Innere Medizin Da anhaltende wässerige Durchfälle ohne Elektrolyt- ausgleich häufig zu einer Hypokaliämie führen, waren Laboruntersuchungen zur Kontrolle angezeigt. Diese waren mit Auftreten der Verwirrtheit dringend gebo- ten. Auch eine EEG-Untersuchung und ein internisti- sches Konsil wurden von den Neurologen versäumt. Die Unterlassung der Laborbestimmung wurde als schwerer Befunderhebungsfehler mit Beweislastum- kehr bewertet. Dadurch ist es bei der Patientin zu ei- ner lebensbedrohlichen Hypokaliämie mit Zustands- verschlechterung gekommen. Es ist Sache der Ärzte zu beweisen, dass der Verlauf ohne die angezeigten Fehler nicht anders gewesen wäre. Ob ein bleibender Gesund- heitsschaden entstanden ist, lässt sich nicht feststellen. Fall 3: Hyponatriämie nicht behandelt Am Tag nach der Aufnahme in die beschuldigte Geria- trische Klinik eines 79-jährigen dementen Patienten mit Amitriptylin- und Antidementiabehandlung, der unter chronischer Obstipation, zur Zeit aber unter Durch- fällen als Folge der Abführmaßnahmen litt, wurden normale Laborwerte festgestellt und zweimal eine Diarrhoe dokumentiert. Intrakranielle Folgen eines Sturzes am 2. Tag konnten mittels CCT ausgeschlos- sen werden. Anderntags erbrach der Patient mehrfach. Die daraufhin durchgeführte CCT-Kontrolle zeigte keinen pathologischen Befund. Es erfolgte eine sym- ptomatische Behandlung mit Metoclopramid intra- venös. Am 5. Tag kam es zu einer Zustandsverschlechterung des Patienten, der kaum noch aufstehen konnte. Mit dem Schwiegersohn – der selbst Arzt war – wurde eine Verlegung in eine Neurologische Klinik für den Fol- getag abgesprochen. Die Laborwerte zeigten dann an diesem Tag neben einer Erhöhung der Entzündungs- parameter mit Leukozytose eine Hyponatriämie von 120 mmol/l. Es wurde eine Antibiotikatherapie einge- leitet, und es erfolgte eine Infusion mit 1.000 ml phy- siologischer NaCl-Lösung, die laut der Stellungnahme der belasteten Ärzte am Abend nur zögerlich eingelau- fen sei. Am Folgetag wurde bei der Visite um 7.00 Uhr eine Somnolenz festgestellt und der Patient auf die In- tensivstation verlegt. Dort zeigte sich eine protrahierte Hyponatriämie. Bei Pneumokokkeninfektion wurde eine Beatmung erforderlich. Es ist davon auszugehen, dass es sich bei der klini- schen Verschlechterung um eine metabolische Enze- phalopathie bei Hyponatriämie gehandelt hat, die am 5. Tag nicht erkannt wurde, was einen Diagnoseirr- tum, aber keinen vorwerfbaren Diagnosefehler dar- stellt. Allerdings war die Reaktion auf die (mittel-) schwere Hyponatriämie von 120 mmol/l mit nur ein- maliger Gabe von einem Liter physiologischer Koch- salzlösung zu zögerlich. Dadurch ist es zu einer passa- geren Verschlechterung gekommen. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass durch diese Verzögerung eine anhaltende Verschlechterung des Gesamtzustandes, wie von den Angehörigen vorgeworfen wird, einge- treten ist, da sich eine metabolische Enzephalopathie regelhaft nach Rekompensation der Elektrolytentglei- sung bessert. Fall 4: Hyponatriämie mit epileptischem Anfall Eine 68-jährige Patientin wurde wegen seit zwei Ta- gen bestehender lumbaler Schmerzen nach einem Langstreckenflug ab dem 2. Januar 2015 stationär in der belasteten Neurologischen Klinik behandelt. Am 3. Januar zeigten sich im Labor neben leichten Ent- zündungszeichen eine mittelschwere Hyponatriämie von 127 mmol/l und eine leichte Hypokaliämie von 3,2 mmol/l. Die Patientin hatte sich am Vortag um 23.00 Uhr zum zweiten Mal übergeben und zuvor beim ersten Mal auch eingenässt. Um 1.00 Uhr wurde in der Pflegedo- kumentation eingetragen, dass trotz Bedarfsmedika- tion die Übelkeit und das Erbrechen fortbestanden und der Arzt vom Dienst informiert worden sei. Am Mor- gen wurde bei der Oberarztvisite eingetragen, dass die Übelkeit besser sei. In der Nacht zum 4. Januar (Sonn- tag) wurden mehrfache Schweißausbrüche beklagt. Um 16.00 Uhr erhielt die Patientin nach Rücksprache mit dem Arzt vom Dienst ein Vomex ® -Suppositorium, da sie erneut mehrfach erbrochen hatte. Um 18.00 Uhr wurde vermerkt, dass die Patientin wie- derum erbrochen hatte und „wirres“ Zeug redete. Ein CCT wurde veranlasst. Um 18.25 Uhr ist niedergelegt, dass die Patientin imCT gekrampft habe und kurz nach Eintreffen des Arztes vom Dienst die Krämpfe sistiert hätten. Auf Anordnung wurde NaCl 0,9 ab 19.10 Uhr als 250 ml-Infusion verabreicht. Das CCT zeigte kei- Folgen einer Elektrolytstörung
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