Rheinisches Ärzteblatt 02/2026

34 Rheinisches Ärzteblatt / Heft 2 / 2026 An Rhein und Ruhr Kall Regieren im Atomkrieg Wäre der Kalte Krieg „heiß“ geworden, hätten Bund und Länder die Regierungsgeschäfte in Bunkeranlagen, sogenannten Ausweichsitzen, weitergeführt. Die nordrhein-westfälische Landesregierung errichtete ihren Ausweichsitz am Rande der Nordeifel in Kall-Urft. Der Bau wurde Ende 1962 begonnen, mit der ersten Einlagerung von Lebensmitteln war der Bunker im Jahr 1965 schließlich einsatzbereit. Die Lage der Bunkereinrichtung war während des Kalten Krieges streng geheim, gegenüber der lokalen Bevölkerung wurde sie als Wasserwerk oder Warnamt getarnt. Auch die Beamten, die sich während der regelmäßig stattfindenden Übungen im Bunker aufhielten, durften ihren Familien ihren Aufenthaltsort nicht verraten. Seit 1993 ist der Bunker stillgelegt und dient heute als Dokumentationsstätte. Bei Führungen durch die Bunkeranlage schlüpfen die Besucher in die Rolle der Bunkerbesatzung und koordinieren während eines sowjetischen Atomangriffs den Zivilschutz. Sie erfahren auch, welche konkreten Gefahren von Atomwaffen ausgehen und wie die Bunkeranlage davor schützen kann. Darüber hinaus können einige technischen Geräte der Anlage selbst bedient werden. Ein Besuch des Ausweichsitzes NRW ist gegen Anmeldung möglich unter: www.ausweichsitz-nrw.de/ MST Die Überreste des Dorfes Wollseifen dienten knapp 60 Jahre lang als Truppenübungsplatz. Seit etwa 20 Jahren ist der Ort wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Eifel Das Geisterdorf Mitten im Nationalpark Eifel, auf der Dreiborner Hochfläche, liegt das verlassene Dorf Wollseifen. Erstmals urkundlich erwähnt wurde es im 12. Jahrhundert. In der Zeit des Nationalsozialismus begann in unmittelbarer Nähe der Bau der NS-Ordensburg Vogelsang. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Bevölkerung evakuiert, kehrte jedoch im Sommer 1945 zunächst in ihr Dorf zurück. Doch schon kurz nach Kriegsende beanspruchte die britische Militärverwaltung das Gebiet, um einen Truppenübungsplatz einzurichten. 1946 wurde Wollseifen zum militärischen Sperrgebiet Hünxe Vom Munitionsdepot zum Fledermausquartier Mit dem Ende des Kalten Krieges endete auch die Nutzung des Bundeswehr-Munitionsdepots im Hünxer Wald. Nach nur 18 Jahren gab die Bundeswehr das rund 44 Hektar große Gelände auf. Zwischen 1981 und 1998 lagerten in insgesamt 46 Bunkern Munition und Material für den Heeresbedarf. Im Jahr 2001 übernahm der Regionalverband Ruhr das Gelände. Ein Rückbau der Bunkeranlagen wäre zu kostspielig gewesen, daher wurden die Bunker erhalten, ihre Türen verschweißt und später zu Lebensräumen für Fledermäuse umgestaltet. Inzwischen konnten dort sechs verschiedene Fledermausarten nachgewiesen werden. Heute ist das Gelände für Fußgänger und Radfahrer zugänglich. MST erklärt. Für rund 120 Familien bedeutete dies den endgültigen Verlust ihrer Heimat. Im Jahr 1950 übergaben die Briten den Übungsplatz an die belgischen Streitkräfte. Diese nutzten das Areal vor allem zu Übungen für den Häuserkampf. Dabei wurden die meisten Gebäude zerstört und durch Übungsbauten ersetzt. Erhalten geblieben sind lediglich die Kirche, eine kleine Wegkapelle, ein Trafohäuschen sowie das ehemalige Schulgebäude. 2006 gab die belgische Armee das Gelände auf. Seitdem ist das Gebiet wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Informationstafeln mit historischen Fotografien dokumentieren das Leben in Wollseifen vor dem Krieg. Mehr Infos unter: https://tourenportal.natio nalpark-eifel.de/de/poi/historische-staette/ wuestung-wollseifen/32912878/ MST Zeitreise in den Kalten Krieg: Die Inneneinrichtung des Ausweichsitzes NRW hat die Jahrzehnte überdauert. Foto: Ausweichsitz NRW Vergessene Orte Verlassene Gebäude, von der Natur zurückeroberte Häuser: Lost Places üben eine besondere Faszination aus. Sie erzählen Geschichten von Vergangenheit und Vergänglichkeit. Auch in Nordrhein finden sich zahlreiche solcher verlassenen Orte. Das Rheinische Ärzteblatt hat eine Auswahl frei zugänglicher Lost Places zusammengestellt. MST Im Naturschutzgebiet rund um den Hünxer Wald verbergen sich zahlreiche ehemalige Bunkeranlagen der Bundeswehr. Foto: Biologische Station Kreis Wesel und Krefeld e.V. Foto: Thuns, Michael / LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland

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