Gesundheits- und Sozialpolitik 18 Rheinisches Ärzteblatt / Heft 3 / 2026 Nordrhein-Westfalen war das erste Bundesland, das eine Landarztquote einführte. Sie soll dazu beitragen, in Zukunft die hausärztliche Versorgung in strukturschwachen Regionen zu sichern. Inzwischen haben die ersten angehenden Hausärztinnen und Hausärzte ihr Studium abgeschlossen oder stehen kurz davor. Zeit für eine Zwischenbilanz von Heike Korzilius Timo Kurz* brennt nach wie vor für sein Medizinstudium. „Die fachlichen Themen sind spannend, und ich mag den Kontakt zu den Patientinnen und Patienten“, sagt der 35-Jährige, der zurzeit an einer Kölner Klinik sein Praktisches Jahr absolviert, im Gespräch mit dem Rheinischen Ärzteblatt. „Ich würde mich immer wieder für diesen Weg entscheiden.“ Auch wenn dieser nicht geradlinig verlief. Nach Abitur und Wehrdienst machte Kurz zunächst eine Ausbildung zum IntensivKrankenpfleger, stellte aber nach vier Jahren im Beruf fest, dass er gerne mehr machen, mehr Verantwortung übernehmen wollte. Dazu kamen der kontinuierliche Stresslevel und der Schichtdienst auf der Intensivstation, die den Entschluss reifen ließen, den Beruf zu wechseln und sich für einen Medizinstudienplatz zu bewerben. Aufgrund seiner Abiturnote musste er sich allerdings auf eine relativ lange Wartezeit einstellen. Dann erfuhr er von der Landarztquote. Sie spricht insbesondere junge Menschen an, die sich den Traum vom Arztberuf erfüllen wollen, aber kein Spitzenabitur vorweisen können. In einem zweistufigen Bewerbungsverfahren werden die Abiturnote und der Test für Medizinische Studiengänge mit jeweils 30 Prozent gewichtet. Schwerer wiegt mit 40 Prozent, wenn die Bewerber zuvor eine Ausbildung in einem medizinischen, pflegerischen oder therapeutischen Beruf absolviert haben. Hohen Wert lege man im zweiten Teil des Auswahlverfahrens auf die sozialen Kompetenzen der Bewerber, heißt es aus dem Landesamt für Gesundheit und Arbeitsschutz NRW (LfGA), das für die Umsetzung der Landarztquote zuständig ist. Landarztquote: Mehr Bewerber als Studienplätze In einem Auswahlgespräch werden deshalb anhand von Interviews und Rollenspielen Entscheidungsstärke, Verantwortungsgefühl, Belastbarkeit, Empathie und Fingerspitzengefühl im Umgang mit Patienten beurteilt (siehe Kasten). Es fließt zu 50 Prozent in die Gesamtbewertung ein. Der Weg der Frauen und Männer, die nach der Landarztquote Medizin studieren, in den Beruf ist vorgezeichnet. Im Gegenzug für einen Studienplatz verpflichten sie sich dem Land NRW gegenüber vertraglich, nach Abschluss von Studium und Weiterbildung in Innerer oder Allgemeinmedizin zehn Jahre lang als Hausärzte in einer unterversorgten oder von Unterversorgung bedrohten Region in Nordrhein-Westfalen tätig zu werden. Bei Vertragsbruch droht eine empfindliche Geldstrafe in Höhe von 250.000 Euro. Wenn im Jahr 2031 die ersten Hausärztinnen und Hausärzte im Rahmen der Landarztquote ihre Weiterbildung abgeschlossen haben, kommen in Nordrhein ländliche Kreise wie Kleve, Emmerich oder Tönisvorst, aber auch strukturschwache städtische Regionen in Oberhausen, Hilden oder Wesseling für eine Niederlassung oder Anstellung infrage. So lautet zumindest eine vorläufige Prognose des LfGA. Es beruft sich dabei auf Daten der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein, nach denen im Jahr 2031 in diesen Regionen ein Versorgungsgrad mit Hausärzten von unter 75 Prozent wahrscheinlich ist, und die damit als unterversorgt gelten. Elf Länder mit Landarztquote NRW war das erste Bundesland, das als einen Baustein im Kampf gegen den Ärztemangel auf dem Land und in sozial benachteiligten Vierteln in den Städten eine Landarztquote einführte. Die Entscheidung dazu fiel 2018, wirksam wurde sie zum Wintersemester 2019/2020. Inzwischen sind zehn weitere Bundesländer, insbesondere große Flächenländer wie Bayern, Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern, dem Beispiel gefolgt. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann ist überzeugt, dass die Quote neben dem Hausarzt-Aktionsprogramm des Landes, der neuen Medizinischen Fakultät OWL an der Universität Bielefeld und der Verdoppelung von Medizinstudienplätzen an der Universität Witten-Herdecke ein weiterer wichtiger Baustein ist, um eine möglichst wohnortnahe hausärztliche Versorgung auch in Zukunft zu erhalten. Angesichts der demografischen Entwicklung der Gesellschaft gebe es einen erheblichen Nachbesetzungsbedarf, sagte Laumann anlässlich des fünfjährigen Bestehens der Landarztquote Ende 2024. Prognosen sind schwierig Aktuell sind in Nordrhein rund 6.500 Hausärztinnen und Hausärzte tätig, allerdings nicht alle in Vollzeit, wie die KV Nordrhein auf Anfrage mitteilt. Ihr Durchschnittsalter liegt bei 54,97 Jahren. Zwar sei die hausärztliche Versorgung in dem Landesteil gemessen an der Systematik der Bedarfsplanung noch stabil. Mit Blick auf die Altersstruktur dürften aber in den nächsten Jahren viele Hausärztinnen und -ärzte aus der Versorgung ausscheiden und Nachfolger für ihre Praxen suchen. Seriöse Prognosen über den genauen Zeitpunkt und die Zahl der Praxisabgaben seien jedoch schwierig, räumt die KV ein. Zum einen gebe es keine Altersgrenze für die Beendigung der vertragsärztlichen Tätigkeit. Zum anderen hänge die Chance auf eine Praxisweitergabe auch von individuellen Faktoren wie der Lage und der Ausstattung sowie der Zahl der Patienten ab. „In Summe verändert sich die ambulante Versorgung aber durch den Generationswechsel spürbar“, erklärt die KV. Um die ambulante Versorgung zukunftsfest gestalten zu können, müssten aus Sicht der Körperschaft in erster Linie mehr Ärztinnen und Ärzte ausgebildet und die Zahl der Medizinstudienplätze entsprechend erhöht werden. Außerdem müssten Politik, Ärzteschaft, Krankenkassen und Kommunen intensiver zusammenarbeiten, um mehr Absolventen für eine Niederlassung als Hausärztin oder Hausarzt zu gewinnen. Dazu gehören aus Sicht der KV unter anderem der Ausbau finanzieller Förderprogramme, innovative Versorgungslösungen auch unter Einbeziehung neuer Berufsbilder und Nachwuchskampagnen wie die Ende Januar gestartete Aktion „Deine Praxis. Dein Freiraum.“, mit der die KV junge Ärztinnen und Ärzte für die Niederlassung in eigener Praxis begeistern will. Dem Landesamt für Gesundheit und Arbeitsschutz zufolge studieren zurzeit an den medizinischen Fakultäten in NRW 1.048 Personen Medizin über die Landarztquote (Stand: Januar 2026). In den 14 bisher durchgeführten Auswahlverfahren habe man im Durchschnitt vier Bewerber je Studienplatz
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