24 Rheinisches Ärzteblatt / Heft 3 / 2026 Forum Ob leistungssteigernde Psychopharmaka, Nahrungsergänzungsmittel oder plastischchirurgische Eingriffe: Immer mehr Menschen greifen zu Methoden der Selbstoptimierung, um „das Beste“ aus sich herauszuholen. Befeuert wird dieser Trend nicht zuletzt durch die sozialen Medien. Auf dem 7. Aachener Psychosomatik-Tag Ende März steht das Thema Selbstoptimierung und Sinnsuche im Fokus. von Marc Strohm Sie analysieren ihre Kieferpartie, vermessen den Abstand zwischen den Augen und orientieren sich an vermeintlich objektiven Schönheitsparametern: Als „Looksmaxxer“ bezeichnen sich überwiegend junge Männer, die in Online-Communities Strategien zur Optimierung ihres äußeren Erscheinungsbildes diskutieren. Ziel ist es, das eigene Aussehen einem bestimmten Männlichkeitsideal anzunähern. Die vorgeschlagenen Maßnahmen reichen von alltagsnahen Empfehlungen zur Körperpflege oder zum Styling über wissenschaftlich nicht belegte Praktiken, wie exzessives Kaugummikauen zur vermeintlichen Betonung der Kieferpartie, bis hin zu ästhetisch-chirurgischen Eingriffen wie Haartransplantationen oder operativen Beinverlängerungen. Innerhalb einzelner Teilbereiche der Szene werden Gesichter und Körper anhand von Attraktivitätsskalen kategorisiert. Wer diesen als objektiv verstandenen Kriterien aufgrund angeblich ungünstiger genetischer Voraussetzungen nicht entspricht, beschreibt sich mitunter selbst als sozial oder romantisch chancenlos. Die Looksmaxxer sind ein extremes, aber keineswegs isoliertes Beispiel für den wachsenden Optimierungsdruck in der Gesellschaft. So steigt etwa die Zahl der Schönheitsoperationen seit Jahren kontinuierlich an. Nach Angaben der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen nahm die Zahl der Eingriffe im vergangenen Jahr im Vergleich zum Vorjahr um rund 14,8 Prozent zu. Besonders gefragt waren Botulinumbehandlungen, Lidstraffungen und Faltenunterspritzungen. Knapp die Hälfte der Ärztinnen und Ärzte berichtete zudem, dass sie überwiegend Frauen beraten, die mit bearbeiteten Fotos in die Sprechstunde kommen – teils mit unrealistischen Erwartungen. Selbstoptimierung vs. Sinnsuche Eine mögliche Ursache für den steigenden Optimierungsdruck sieht Professorin Dr. Gabriele Lutz im Streben nach Kontrolle angesichts gegenwärtiger Krisen, etwa dem Ukrainekrieg, dem Klimawandel oder wirtschaftlicher Unsicherheit, sowie dem damit verbundenen Gefühl von Sinnverlust und Ohnmacht. Gleichzeitig seien viele sinnstiftende Strukturen wie Religion oder familiärer Zusammenhalt in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend in den Hintergrund gerückt, sagt die Professorin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universität Witten-Herdecke im Gespräch mit dem Rheinischen Ärzteblatt. In der Selbstoptimierung sähen viele Menschen daher eine Möglichkeit, in bewegten Zeiten Kontrolle zurückzugewinnen und einem Gefühl von Stillstand oder Sinnlosigkeit entgegenzuwirken. So könne etwa das Tracken der eigenen Gesundheit mit Fitnessuhren die Selbstwirksamkeit stärken, die Gesundheit fördern und persönliches Wachstum unterstützen. Das Erreichen selbst gesteckter Ziele gehe häufig mit Erfolgserlebnissen und Glücksgefühlen einher. Problematisch werde Selbstoptimierung jedoch, wenn sie in Überforderung oder Selbstausbeutung umschlage, warnt Lutz. Dann gerieten viele Menschen unter Stress, weil sie ihren eigenen Ansprüchen nicht genügten. Studien wie der Stressreport 2025 der Techniker Krankenkasse zeigen, dass der Druck, den eigenen Erwartungen gerecht zu werden, zu den häufigsten Stressursachen zählt. „Paradoxerweise fühlen sich immer mehr Menschen von ihrer Freizeit gestresst“, sagt Lutz. Neben dem Drang zur Selbstoptimierung trügen auch überfüllte Terminkalender sowie die Angst, etwas zu verpassen, zu diesem Freizeitstress bei. Dabei spielen besonders in der jüngeren Generation auch soziale Medien eine zentrale Rolle. Eine Befragung des Freizeitmonitors der Stiftung für Zukunftsfragen zeigt, dass sich knapp die Hälfte der 18- bis 34-Jährigen durch „medialen Druck“, etwa in Bezug auf das eigene Aussehen, gestresst fühlt. Unabhängig vom Thema Selbstoptimierung werde in der von Krisen geprägten Zeit insgesamt die Frage nach dem Lebenssinn gesellschaftlich präsenter, beobachtet Lutz. In den vergangenen Jahren sei die Nachfrage nach Lifestyle-Büchern und Podcasts zu diesem Thema deutlich gestiegen. Auch in Zwischen Wachstum und Überforderung Sonnenbrand für die perfekte Bräune: Bei der "High UV Tanning Challenge" sonnten sich überwiegend junge Frauen der Generation Z bei möglichst hohen UV-Werten. Ziel war es dabei, sichtbare Bräunungsstreifen zu erhalten. Foto: istockphoto.com/Pattarisara Suvichanarakul
RkJQdWJsaXNoZXIy MjMxMzg=