Rheinisches Ärzteblatt 04/2025

Thema 12 Rheinisches Ärzteblatt / Heft 4 / 2025 : Herr Dr. Dreyer, Herr Dr. Berson, Deutschland hat gewählt. Was muss die neue Bundesregierung aus Ihrer Sicht als Erstes angehen? Dreyer: Die gesetzlichen Krankenkassen verzeichnen ein Defizit von mehr als sechs Milliarden Euro. Wenn hier nicht schnell gegengesteuert wird, laufen die Kosten vollends aus dem Ruder. Leistungskürzungen und weitere Beitragssprünge wären die Folgen. Wir brauchen deshalb ad hoc Konzepte, an welchen Stellen Effizienzreserven gehoben werden können, ohne die Patientenversorgung zu verschlechtern. Ein Lösungsansatz wäre darüber hinaus sicherlich eine Entlastung der Krankenkassen von versicherungsfremden Leistungen. Wenn der Bund hier seiner Verpflichtung nachkäme, familienpolitische Leistungen wie die beitragsfreie Mitversicherung oder die Finanzierung der Beiträge von Bürgergeldempfängern in voller Höhe zu übernehmen, könnte das die Kassen um bis zu zehn Milliarden Euro entlasten. Berson: Angesichts knapper Ressourcen müssen wir auch den Zugang zur Versorgung besser strukturieren. Das gilt nicht nur für den Notdienst, in dem Patienten in großer Zahl die Notaufnahmen der Krankenhäuser in Anspruch nehmen, obwohl sie keine echten Notfälle sind. Das gilt auch für die ganz normale Patientenversorgung. Doktorhopping, Doppeluntersuchungen und Parallelverschreibungen würden sicher weniger werden, wenn ein Primärarzt – im Regelfall der Hausarzt – die Behandlung der Patientinnen und Patienten koordinierte. In einem solchen System ließe sich nicht nur Geld sparen. Es würde auch der Patientensicherheit dienen. Das Thema wird uns auch beim 129. Deutschen Ärztetag im Mai in Leipzig beschäftigen. Dort will die Bundesärztekammer ein Konzept für ein freiwilliges Primärarztmodell vorlegen. Dreyer: Ein Kernthema für die neue Bundesregierung sollte aus meiner Sicht aber auch die Digitalisierung sein. Hier hinken wir in Deutschland im internationalen Vergleich weit hinterher. Vor allem brauchen wir endlich die elektronische Patientenakte. Wenn dort hoffentlich bald der Medikationsplan, Laborparameter oder auch Röntgenbilder hinterlegt sind, kann die Akte auf jeden Fall zu mehr Patientensicherheit beitragen. Voraussetzung ist aber natürlich, dass sie technisch sicher und datenschutzkonform ist. : Bereits für 2023 hatte der noch amtierende Bundesgesundheitsgesundheitsminister Karl Lauterbach ein Bürokratieentlastungsgesetz angekündigt. Dreyer: Das ist jetzt dem Bruch der Ampelkoalition zum Opfer gefallen, aber nichtsdestotrotz dringend erforderlich. In den Krankenhäusern verbringen sowohl Ärzte als auch Pflegekräfte täglich im Schnitt drei Stunden mit Dokumentationspflichten, die häufig keinen unmittelbaren Nutzen für die Behandlung der Patienten haben. In den Praxen der niedergelassenen Ärzte ist es nicht besser. Aktuell erfüllt jede Praxis mehr als einen Tag pro Woche bürokratische Aufgaben. Das führt bei Ärzten, Pflegekräften und Medizinischen Fachangestellten zu großer Unzufriedenheit und zu Foto: Jochen Rolfes „Der Stil muss sich ändern“ Leere Kassen, überbordende Bürokratie, holprige Digitalisierung und mangelnde Wertschätzung gegenüber den Vertreterinnen und Vertretern der Selbstverwaltung: Dr. Sven Dreyer und Dr. Arndt Berson, Präsident und Vizepräsident der Ärztekammer Nordrhein, formulieren ihre Erwartungen an die Politik nach der Bundestagswahl und schauen voraus auf die anstehende Kammerversammlung (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe).

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