Rheinisches Ärzteblatt 04/2025

Rheinisches Ärzteblatt / Heft 4 / 2025 27 Über dreieinhalb Jahre ist es her, dass die Taliban mit dem Einmarsch in Kabul am 15. August 2021 erneut die Macht in Afghanistan übernommen haben. 20 Jahre lang hatten Mädchen und Frauen dort für ihre Rechte gekämpft und allmählich die Frauenrechtslage im Land verbessert. Seit der Machtübernahme schränken die Taliban nun erneut ihre Rechte immer weiter ein. Dr. Monika Hauser, Fachärztin für Gynäkologie und Vorsitzende der Frauenrechts- und Hilfsorganisation medica mondiale, über die Situation der Mädchen und Frauen in Afghanistan : Mädchen und Frauen werden vom öffentlichen Leben ausgeschlossen und ihre Rechte systematisch eingeschränkt. Das waren Ihre Beobachtungen vor drei Jahren. Wie würden Sie die Lage der Afghaninnen heute beschreiben? Hauser: Wir beobachten, wie sich die Situation für die Mädchen und Frauen in Afghanistan immer weiter verschlechtert. Seit der Rückkehr der Taliban im August 2021 werden sie sukzessive aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens verdrängt und ihre Rechte immer weiter eingeschränkt. Mädchen dürfen zum Beispiel keine weiterführenden Schulen mehr besuchen und Studentinnen mussten die Universitäten verlassen. Es ist für Frauen kaum noch möglich, einen Beruf zu ergreifen, vielen berufstätigen Frauen wurde gekündigt. Die Taliban schließen Frauen von allen politischen Ämtern aus und haben auch das Frauenministerium, das sich für die Gleichstellung einsetzte, abgeschafft. Somit ist Frauen jede politische Mitbestimmung unmöglich geworden. Frauen dürfen sich in der Öffentlichkeit nicht mehr selbstständig bewegen. Orte, Einrichtungen und Parks, an denen sich Frauen treffen und austauschen konnten, sind geschlossen. Umso beeindruckender ist es, dass sich mutige Frauenrechtsaktivistinnen und -aktivisten weiter für die Mädchen und Frauen in Afghanistan einsetzen. Die Frauenrechtsorganisationen im Land können nur noch verdeckt und unter großer Gefahr arbeiten. Jeder Einsatz für Frauenrechte ist lebensgefährlich. Willkürliche Verhaftungen, Inhaftierung sowie Folter und sexualisierte Gewalt nehmen zu. Aktivistinnen und Aktivisten werden von den Taliban bedroht, verschleppt und umgebracht. : Was bedeutet das sogenannte Tugendgesetz für die Mädchen und Frauen in Afghanistan? Hauser: Mit dem Tugendgesetz erreicht die Unterdrückung von Mädchen und Frauen einen neuen Höhepunkt. Es wurde von den Taliban erlassen, um ihre körperliche Selbstbestimmung und Autonomie noch weiter einzuschränken. Das neue Gesetz geht weit über frühere Dekrete hinaus, und die Bestimmungen erstrecken sich auf alle Lebensbereiche. Sie betreffen nicht nur den Zugang zu Bildung, Arbeit und Gesundheitsversorgung, sondern dringen bis in den privaten Raum, das Zuhause der Frauen, ein. Die Taliban isolieren die Afghaninnen und schneiden sie von allen wichtigen Ressourcen ab. Sie dürfen ihre Wohnung nur noch komplett verschleiert und in Begleitung eines männlichen Verwandten verlassen. Sie werden Gefangene in ihrem eigenen Zuhause. Und selbst dort sind sie nicht mehr frei: Mädchen und Frauen ist es auch zuhause verboten, laut zu singen oder zu beten – nicht nur in der Öffentlichkeit. : Wie ist die gesundheitliche Versorgung der Mädchen und Frauen in Afghanistan? Hauser: Die immer weitergehenden Einschränkungen haben auch ganz massiven Einfluss auf die gesundheitliche Versorgung der Mädchen und Frauen, die ohnehin schon sehr schlecht ist. Laut den Vereinten Nationen starb bereits im Jahr 2023 alle zwei Stunden eine Frau während der Schwangerschaft oder bei der Geburt. Dieser Zustand hat sich bereits und wird sich voraussichtlich weiter verschlechtern. Seit Dezember 2024 dürfen Frauen keine Ausbildungen mehr im medizinischen Bereich machen, zum Beispiel als Hebamme oder Pflegerin. Das bedeutet, es fehlen immer mehr Pflegerinnen, Hebammen und auch Ärztinnen. Vielen Frauen ist der Zugang zu medizinischer Versorgung schon heute versperrt. In einigen afghanischen Provinzen dürfen sich Frauen nicht von männlichen Fachkräften behandeln lassen, an anderen Orten ist es schlicht nicht üblich. Eine Erkrankung bedeutet hier für die Frauen viel Leid oder sogar den Tod, weil sie nicht behandelt werden dürfen. : Gibt es Ihrer Meinung nach neben dem Islamverständnis der Taliban noch andere Gründe, Mädchen und Frauen systematisch aus dem öffentlichen Leben auszuschließen? Hauser: Die Ursache liegt nicht in der islamischen Religion oder Kultur, sondern in tief verwurzelten patriarchalen Strukturen, die Gruppierungen wie die Taliban exzessiv ausleben und die Religion dafür instrumentalisieren. Ihre militärischen und religiösen Strukturen basieren auf einer reinen Männerwelt. Dafür müssen sie sich vor weiblicher Präsenz schützen. Sie leben so ihre Frauenfeindlichkeit, ja ihren Hass auf Frauen aus, der auch auf ihrer großen Angst vor Frauen basiert. Gleichzeitig ist Frauenhass und der Angriff auf Frauenrechte kein Problem, das es nur in Afghanistan gibt. Denn wir alle leben in patriarchalen Gesellschaften. Den Angriff auf Frauenrechte und die Einschränkung von Frauenrechten beobachten wir nicht nur in Afghanistan, sondern weltweit – auch in Deutschland. : Mit welchen psychischen Problemen haben die Afghaninnen zu kämpfen? Hauser: Sie müssen sich vorstellen, den Afghaninnen wurden alle Freiheiten und Rechte genommen. Sie haben kein Recht mehr auf Bildung, darauf einen Beruf auszuüben oder einem Hobby nachzugehen. Man hat sie sogar des Rechts beraubt, sich in den eigenen vier Wänden frei zu bewegen, zu singen und zu lachen. Sie sind eingesperrt in ihrem eigenen Zuhause und in Interview „Aufgeben ist keine Option“ Dr. Monika Hauser Foto: Bettina Flitner

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