28 Rheinisches Ärzteblatt / Heft 4 / 2025 von der internationalen Gemeinschaft vergessen und die Sorge, dass internationale Geberorganisationen sich völlig aus Afghanistan zurückziehen, ist groß. Doch auch gegen alle Einschränkungen suchen unsere Partnerorganisationen nach kreativen Wegen, wie sie Mädchen und Frauen weiterhin unterstützen können. Sie überlegen, welche Möglichkeiten es gibt, das aktuelle Arbeitsverbot zu interpretieren. Ob und wie sie zum Beispiel von zuhause arbeiten können, welche Wege und Netzwerke ihnen weiterhin offenstehen und in welchen Bereichen sie noch aktiv sein können. Ganz wichtig ist nach wie vor die psychosoziale Beratung für Frauen, die Gewalt erlebt haben. Das meiste passiert online oder telefonisch, die Bewerbung zum Beispiel über soziale Netze und Mundpropaganda. Daneben bieten Partnerorganisationen finanzielle und humanitäre Unterstützung an oder klären in Provinzen auf über die Gefahren von Frühverheiratung, über Gewalt gegen Frauen und den Wert von Mädchenbildung. Dazu arbeiten sie zum Beispiel mit religiösen Autoritäten zusammen. Eine andere Partnerorganisation bietet Nothilfe für bedrohte Frauenrechtsverteidigerinnen. : Die massive Verletzung der Menschenrechte, vor allem der Frauenrechte im Land bleibt nicht ungesehen. Doch wie bewerten Sie das Engagement der internationalen Staatengemeinschaft und der Bundesregierung, den Afghaninnen zu helfen? Hauser: Die internationale Gemeinschaft und die deutsche Bundesregierung müssen endlich Verantwortung übernehmen. Nach 20 Jahren Einsatz vor Ort hat die internationale Staatengemeinschaft das Land von heute auf morgen verlassen – und damit all die Menschen schutzlos zurückgelassen, die für internationale Organisationen gearbeitet und sich für Menschen- und Frauenrechte engagiert haben. Insbesondere Frauenrechtsaktivistinnen haben sich durch ihre Arbeit enorm exponiert und hätten besonderen Schutzes bedurft. Sie haben Männer hinter Gitter gebracht oder Frauen bei Gerichtsverhandlungen unterstützt. Ihre Telefonnummern hingen als Anlaufstelle für gewaltbetroffene Frauen in Polizeistationen und Krankenhäusern. Das heißt: Täter und Taliban kannten sie. Sie waren schon vor der Machtübernahme eine Bedrohung. Jetzt ist die Bedrohung umso realer. Und auch wenn viele Aktivistinnen das Land verlassen konnten und heute in Sicherheit sind, es blieben immer richten von 20 Jahren harter Arbeit gegen frauenfeindliche Strukturen in Afghanistan, über die schwierige Flucht und das Ankommen in Deutschland bis zu ihrem Leben heute. Es sind Geschichten von Widerstand und Solidarität, von Abschieden und Ankommen – und dem unbeirrten Einsatz für eine gerechte Welt. : Wie können Frauenrechtsorganisationen wie medica mondiale die Frauen im Land noch unterstützen? Vor welchen Problemen stehen Sie dabei? Hauser: Frauenrechtsarbeit in Afghanistan ist schwierig – aber nicht unmöglich. Seit Ende 2022 ist es Frauen verboten, in lokalen oder internationalen Organisationen zu arbeiten. Dieses Verbot betrifft zehntausende afghanische Frauen, die zuvor zum Beispiel als Dozentinnen, Juristinnen und Familienmediatorinnen oder als Beraterinnen beschäftigt waren. Frauenrechtsarbeit wird damit weiter erschwert. Doch für uns war immer klar: Wir setzen unsere Arbeit in Afghanistan fort. Allein diese Zusicherung ist für unsere Partnerorganisationen enorm wichtig. Denn viele Aktivistinnen und Aktivisten fühlen sich einem Land, das ihnen ihr Leben und ihre Identität genommen hat. Doch fliehen können sie auch nicht. Und jeder Versuch, sich gegen das System aufzulehnen, wird bestraft – sogar mit dem Tod. Gewalt gegen Frauen nimmt immer mehr zu. Das landesweite Unterstützungssystem für Mädchen und Frauen ist fast vollständig zusammengebrochen. Überlebende von Gewalt und sexualisierter Gewalt haben kaum eine Möglichkeit, Hilfe zu suchen. Es gibt kaum Perspektiven und wenig Hoffnung. Viele Afghaninnen entwickeln daher Depressionen und Angsterkrankungen, die Zahl der Suizide steigt. Dennoch geben viele Frauen nicht auf. Sie versuchen, sich gegenseitig zu stärken und Mittel und Wege zu finden, sich gegen alle Restriktionen weiterzubilden und sich gegenseitig zu unterstützen. : Als die Taliban wieder an die Macht kamen, konnte sich ein Teil der Frauenrechtsaktivistinnen im Ausland in Sicherheit bringen, viele mussten bleiben und um ihr Leben und das ihrer Familien fürchten. Wie ist die Lage der Aktivistinnen im Exil heute? Hauser: Uns gelang es, alle 90 Kolleginnen und Kollegen von Medica Afghanistan und deren engste Angehörige bei der Evakuierung nach Deutschland zu unterstützen. Die meisten von ihnen sind nach ihrer Flucht in ihrem neuen Leben hier angekommen. Sie leben mit ihren Familien in ihren eigenen Wohnungen, sie arbeiten und engagieren sich wieder für Frauenrechte. Der Weg dahin war für sie aber alles andere als leicht. Es gab viele, vor allem bürokratische Hürden, zum Beispiel damit die Frauen wieder in ihrem Beruf arbeiten dürfen. Einige haben an der Universität in Frankfurt ein Aufbaustudium für Soziale Arbeit gemacht, um sich auch beruflich hierzulande wieder für Frauen einsetzen zu können. Andere engagieren sich ehrenamtlich bei medica mondiale, um wie schon vor ihrer Evakuierung Frauen in Afghanistan psychosozial zu unterstützen. Sie betreuen die Frauen nun online oder telefonisch statt im direkten Gespräch. Einige unserer ehemaligen afghanischen Kolleginnen haben außerdem den Verein „Hami Womenempowerment“ gegründet. Hami bedeutet Unterstützerin oder Unterstützer auf Dari. Gemeinsam mit ihnen und weiteren ehemaligen Mitarbeiterinnen von medica Afghanistan hat medica mondiale eine Ausstellung im Rautenstrauch Joest- Museum in Köln organisiert. Dort erzählen 20 Afghaninnen ihre Geschichten. Sie beInterview Die multimediale Ausstellung „Weil wir Frauen sind“ über und mit afghanischen Frauenrechtsaktivistinnen kann noch bis zum 13. April 2025 im Rautenstrauch Joest-Museum in Köln besucht werden. Der Besuch ist kostenfrei. Die Ausstellung ist auch online auf https://medicamondiale.org/ weil-wir-frauen-sind. Der Film „Weil wir Frauen sind“ erzählt von 20 Jahren Frauenrechtsarbeit in Afghanistan. Ausstellung „Weil wir Frauen sind“ Medica mondiale setzt sich seit 1993 für Mädchen und Frauen in Kriegs- und Krisengebieten ein. Die Organisation bietet ihnen sowohl medizinische und psychologische als auch rechtliche Unterstützung Spendenkonto medica mondiale: Sparkasse Köln-Bonn IBAN: DE92 3705 0198 0045 0001 63 BIC: COLSDE33 Für Frauenrechte und gegen sexualisierte Gewalt
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