Rheinisches Ärzteblatt 04/2025

42 Rheinisches Ärzteblatt / Heft 4 / 2025 Kulturspiegel wiederum bringt Viola in Schwierigkeiten, da sie ein Auge auf ihren Dienstherren geworfen hat, wobei das sie in der Kölner Inszenierung nicht daran hindert, fröhlich mit Olivia bei nächster Gelegenheit zu knutschen. Als ob das alles nicht schon genug Verwirrspiel um aufgelöste Identitäten und Geschlechterrollen wäre, die auf der Kölner Bühne doppelt und dreifach gebrochen werden, haben noch weitere Randfiguren viel zu sagen und ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Da ist zum Beispiel an Olivias Hofe der trinkfreudige Sir Andrew, gespielt mit hoch aufschießender Schmalzhaarfrisur von Ronald Kukulies, gespielt. Olivias Kammermädchen Maria wird von Andreas Leupold und Sir Toby, ein Junker am Hofe Olivias von Lisa-Katrina Mayer gespielt. Da allesamt in bunten Kostümen stecken, die viel mit Flora und Fauna zu tun haben und von Josa Marx entworfen wurden, spielt das Geschlecht nur eine untergeordnete Rolle. Beispielsweise ist die Gräfin Olivia, gespielt von Kara Schröder eine Blume. Die Liebesbotin Viola im DiensIm Kölner Schauspielhaus ist das Verwirrspiel „Was ihr wollt“ von William Shakespeare in einer knallbunten Inszenierung zu sehen, bei der Charlotte Sprenger die Regie führt. von Jürgen Brenn Es kann nicht schaden, sich vor dem Besuch der Kölner Inszenierung von „Was ihr wollt“ aus der Feder von William Shakespeare, nochmals zu vergegenwärtigen, um was es in der Verwechslungskomödie geht. Die Inszenierung von Charlotte Sprenger entfernt sich weit vom Original. „Was ihr wollt“ wurde um das Jahr 1600 in London uraufgeführt. Die Komödie in fünf Akten ist das letzte Lustspiel, bevor sich Shakespeare seinen Tragödien zuwendete. Das Original trägt den Titel „Twelfth Night or What You Will“. Es ist ein Hinweis auf Epiphanias, die Erscheinung des Herren, die das Ende der zwölf Raunächte zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag setzt. Das Stück spielt in einem Phantasieland namens Illyrien zur Zeit der Renaissance. Die Regisseurin Sprenger versetzt den 400 Jahre alten Stoff in die virtuelle Welt der Gamer. Johannes Benecke sitzt als Billy mit einer Virtual-Reality-Brille auf dem Kopf und in einen futuristischen Datenanzug gezwängt hinter der Bühne und versucht, sich durch das verwirrende Spiel zu lavieren und den Weg zum nächsten Level zu finden. Er ist per Video auf der Bühne präsent und schaut ebenso erstaunt wie das Publikum auf das bunte Treiben, auf das er nur bedingt als aktiver Gamer Einfluss nehmen kann. „Was ist das für ein Spiel?“ entfährt es ihm, ein ums andere Mal, bevor er wieder beim Gaming-Master nachfragt, ob hier ein Fehler in der Programmierung vorliege. Gegen Ende der Inszenierung öffnet sich der GamingRaum zum Publikum hin und die Figuren des Spiels werden eins mit dem Spiel. Die Ebenen verschwimmen noch mehr, als sie es ohnehin schon von Anfang an getan haben. Denn am Ende scheint niemand derjenige zu sein, der er vorgab zu sein. Kunterbunt werden männliche Figuren, wie etwa der Haushofmeister Malvolio am Hofe der Gräfin Olivia von Sabine Waibel Karneval der Kostüme In phantasievollen bis grotesken Kostümen irrlichtern die Ensemblemitglieder des Kölner Schauspielhauses durch die Inszenierung von „Was ihr wollt“, bei der Charlotte Sprenger die Regie führt. Foto: Birgit Hupfeld te von Orsino, dem Herzog von Illyrien, steckt in einem Rehkostüm. Kristin Steffen stöckelt auf Huf-Pumps durch den Abend. Machen kann sie nicht viel, da auch ihre Hände in Huf-Handschuhen stecken. Dennoch ist ihr schauspielerisches Können angesichts der hinderlichen Kostümierung beeindruckend. Sinan Güleç, der den ebenso melancholischen wie unglücklich in Olivia verliebten Herzog Orsino gibt, erinnert in seinem pastellfarbenen Overall und den knautschig, entarteten Armwülsten an ein aus der Form geratenes Marshmallow. Eigentlich soll Viola, die im Original als Mann verkleidet in die Dienste von Orsino getreten ist, dessen angebeteter Olivia seine Liebesschwüre überbringen. Dumm nur, dass Olivia sich in den Boten verguckt und vom Herzog nichts wissen will. Ohne langes Federlesen öffnet die Blume Olivia den Klettverschluss ihres Blütenkelches und zieht das Rehlein Viola in eine innige Umarmung. Dies oder das Kammermädchen Maria, die als eine Mischung aus Kreuzritter und Nachtfalter auftritt und ätzende Kommentare abgibt. Ebenso wie der Gamer Billy nichts mit dem Original von Shakespeare zu tun hat, so ist auch Morpheus, gespielt von Philipp Plessmann eine Figur, die sich zumindest dem Namen nach aus dem Film „Matrix“ auf die Kölner Theaterbühne verirrt hat. In einem von zahlreichen Augen übersäten, faustisch anmutenden Satansgewand setzt sich Plessmann immer wieder ans Klavier und untermalt die Szenen im Vordergrund musikalisch. Üppige Kostümierungen, Musik und ein Kanon, den das Publikum mitzusingen hat, sind Zutaten, die in Köln besonders in der fünften Jahreszeit zielsicher für Stimmung sorgen. Bei „Was ihr wollt“ wird Karneval bunt, schrill und schräg über Aschermittwoch hinaus weitergefeiert. Informationen unter www.schauspiel.koeln oder Tel.: 0221 2212 8400.

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