Gesundheits- und Sozialpolitik 20 Rheinisches Ärzteblatt / Heft 4 / 2026 Trotz eines Hochs im vergangenen Jahr und umfangreicher Aufklärungs- und Informationskampagnen stagniert die Zahl der Organspenden in Deutschland auf einem im internationalen Vergleich niedrigen Niveau. Um die Zahl der Spender zu erhöhen, hat die Bundesregierung unter anderem eine Reform der Nierenlebendspende angestoßen. Auch die Einführung einer Widerspruchslösung wird erneut diskutiert. von Marc Strohm Für Carsten Nagel gab es von Anfang an keinen Zweifel an seiner Entscheidung: Als bei seinem älteren Bruder Anfang der 1990er-Jahre eine schwere Nierenerkrankung diagnostiziert wurde, versprach er ihm, eine Niere zu spenden, falls es einmal notwendig werden sollte, schildert er im Gespräch mit dem Rheinischen Ärzteblatt. Als sich die Werte seines Bruders im Jahr 2009 zunehmend verschlechterten und absehbar wurde, dass er dialysepflichtig werden würde, erinnerte sich Nagel an sein Versprechen. Da sich keine geeignete postmortale Spende fand, entschied er sich, seinem Bruder eine Niere zu spenden. „Ich wollte nicht miterleben, wie sich das Leben meines Bruders durch die Dialyse vollständig verändert“, sagt Nagel. Sorgen oder Ängste vor den Folgen für die eigene Gesundheit habe er zu diesem Zeitpunkt nicht verspürt. Dazu hätten auch die ausführlichen Aufklärungsgespräche mit den behandelnden Ärzten beigetragen, die ihm die statistischen Wahrscheinlichkeiten möglicher Langzeitfolgen erläuterten und ihm so eine bessere Einschätzung der Risiken ermöglichten. Nach der rund sechsstündigen Entnahmeoperation verbrachte Nagel zunächst einige Tage im Krankenhaus. In dieser Zeit kämpfte er mit Kreislaufproblemen, die jedoch im weiteren Verlauf abklangen. Anschließend durfte er sich acht Wochen lang keiner schweren körperlichen Belastung aussetzen. Große Unterstützung habe er in dieser Phase nicht nur von seiner Familie, sondern auch von seinem Arbeitgeber erfahren, der sehr verständnisvoll reagiert habe. Langfristig habe sich sein Gesundheitszustand durch die Nierenlebendspende jedoch nicht verändert. „Ich lebe jetzt allerdings deutlich gesünder als vorher“, betont Nagel. Seine Entscheidung habe er zu keinem Zeitpunkt bereut. Gleichzeitig empfinde er es als „befremdlich“, dass sich gesunde Menschen den Risiken einer Entnahmeoperation aussetzen müssen, weil es nicht genügend postmortale Organspenden gibt. Er befürworte die Widerspruchslösung. Derzeit warten in Deutschland nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) rund 8.200 Menschen auf ein Spenderorgan. Nieren sind dabei die am häufigsten benötigten Organe: Im vergangenen Jahr standen mehr als 6.000 Patientinnen und Patienten auf der Warteliste für eine Spenderniere. Demgegenüber standen 985 Menschen, die nach ihrem Tod ein oder mehrere Organe spendeten – der höchste Stand seit 2012, allerdings weiterhin deutlich unter dem tatsächlichen Bedarf. Nierenspenden im Fokus Seit Jahren deckt die Zahl der Spenderorgane den Bedarf bei weitem nicht. Wer eine Niere benötigt, wartet nach Angaben der DSO mitunter bis zu zehn Jahre auf ein neues Organ. „Um den Kreis potenzieller Nierenspender zu erweitern, hat die Bundesregierung eine Novellierung der Regelungen zur Lebendorganspende angestoßen. Die vorgesehenen Änderungen sehen unter anderem vor, die sogenannte Cross-Over-Lebendnierenspende zu ermöglichen. Dabei können zwei Spender-Empfänger-Paare gegenseitig ‚tauschen‘, wenn eine Lebendspende beim eigenen Partner oder Angehörigen medizinisch nicht kompatibel ist. Dieser Austausch soll über ein nationales Programm anonym vermittelt werden, sodass sich die beteiligten Paare nicht persönlich kennenlernen. Darüber hinaus sollen künftig auch gänzlich anonyme Nierenspenden an unbekannte Empfänger möglich sein. Damit würde die bisherige gesetzliche Voraussetzung gelockert, nach der Spender und Empfänger einander „in besonderer persönlicher Verbundenheit offenkundig nahestehen“ müssen.“ Dazu zählen etwa Verwandte ersten oder zweiten Grades, Ehegatten, eingetragene Lebenspartner oder Verlobte. Darüber hinaus soll das sogenannte Subsidiaritätsprinzip gestrichen werden. Bislang ist die Entnahme einer Niere von einem lebenden Spender nur zulässig, wenn zum Zeitpunkt der Entnahme kein geeignetes Organ eines postmortalen Spenders zur Verfügung steht. Gleichzeitig soll der Schutz von Spendern verbessert werden. Geplant ist unter anderem eine verpflichtende unabhängige psychosoziale Beratung. Das Reformvorhaben stößt in der Ärzteschaft auf breite Unterstützung. Die Deutsche Transplantationsgesellschaft (DTG) erklärte in einer Stellungnahme auf Anfrage des Rheinischen Ärzteblattes, sie begrüße die Einführung der Cross-Over-Spende, die Möglichkeit anonymer Spenden sowie die Streichung des Subsidiaritätsprinzips ausdrücklich. Darüber hinaus forderte die Fachgesellschaft, die gesetzlichen Regelungen „organneutral“ zu formulieren. Perspektivisch könnten so auch Lebendspenden von Lebern, Dünndärmen oder Lungen einbezogen werden, ohne eine Sonderstellung für die Niere zu schaffen. Auch die Bundesärztekammer (BÄK) bewertet das Gesetzesvorhaben positiv. Deren Präsident Dr. Klaus Reinhardt erklärte in einer Pressemitteilung, die geplanten Änderungen könnten die Versorgungssituation vieler schwer nierenkranker Menschen verbessern. Gleichzeitig äußerte er Zweifel daran, dass eine Ausweitung der Lebendnierenspende allein den bestehenden Organmangel beheben könne. Reinhardt sprach sich daher dafür aus, auch die Einführung einer Widerspruchslösung bei postmortalen Organspenden erneut politisch zu prüfen. Mehr Spender durch neue Regelungen? Die Transplantationsbeauftragten in den nordrheinischen Entnahmekrankenhäusern erhoffen sich durch die Novellierung der Gesetzeslage deutlich steigende Nierenspenden, betont Dr. Gero Frings. Er ist selbst Transplantationsbeauftragter am St. Bernhard Hospital in Kamp-Lintfort, Vorsitzender der Arbeitsgruppe für Anliegen transplantationsbeauftragter Ärztinnen und Ärzte und Mitglied der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer. Derzeit machten Lebendspenden gut ein Drittel der transplantierten Nieren aus. Deshalb sei es wichtig, den Kreis der möglichen Spender zu erweitern. Was hilft gegen den Organmangel?
RkJQdWJsaXNoZXIy MjMxMzg=