Gesundheits- und Sozialpolitik Rheinisches Ärzteblatt / Heft 4 / 2026 21 Zugleich räumt Frings ein, dass eine Lebendnierenspende für den Spender immer mit gewissen Risiken verbunden sei. Neben perioperativen Komplikationen wie Thrombosen oder Bauchwandhernien könne die Gesamt-Nierenfunktion langfristig um etwa 30 Prozent reduziert sein. Mit geringer Wahrscheinlichkeit könnten außerdem Bluthochdruck, ein Fatigue-Syndrom oder ein leicht erhöhtes Risiko für ein späteres Nierenversagen auftreten. Frings begrüßt es deshalb, dass der neue Gesetzesentwurf vorsieht, dass Menschen, die infolge einer Lebendspende selbst dialysepflichtig werden, bei der Vermittlung eines Spenderorgans bevorzugt berücksichtigt werden. Bessere Vernetzung gefordert Um die Zahl der Transplantationen in Deutschland insgesamt zu erhöhen, brauche es ein breites Bündel an Maßnahmen, sagt Frings. Dazu gehöre auch eine stärkere interprofessionelle Vernetzung der Transplantationsbeauftragten. Einen wichtigen Beitrag bei der Identifizierung potenzieller Spenderinnen und Spender leisteten beispielsweise die pflegerischen Transplantationsbeauftragten. „Hier gilt es, die Zusammenarbeit weiter zu stärken.“ In Nordrhein-Westfalen vernetzen sich die Transplantationsbeauftragten unter anderem in der kammerübergreifenden Arbeitsgruppe für Anliegen transplantationsbeauftragter Ärztinnen und Ärzte (www.aek no.de/agtxb). Ziel sei es, Organisationsstrukturen zu verbessern, den fachlichen Austausch zu fördern und die Bevölkerung stärker über Organspende aufzuklären. Einen spürbar positiven Effekt auf die Organspendezahlen verspricht sich Frings von der Einführung einer Widerspruchslösung. Sie würde die Bevölkerung dazu bewegen, sich aktiver als bisher mit der Frage der Organspende auseinanderzusetzen. Zwar stehe ein Großteil der Bevölkerung der Organspende grundsätzlich positiv gegenüber. Tatsächlich ließen sich jedoch nur wenige Bürgerinnen und Bürger als Spender registrieren. Neben den vergleichsweise hohen bürokratischen Hürden für einen Eintrag im Organspende-Register sieht Frings auch eine gesellschaftliche Entwicklung hin zum Egoismus als Ursache. „Viele Menschen befürworten Organspenden vor allem mit dem Gedanken, dass sie ihnen selbst zugutekommen könnten, wenn sie einmal auf ein Spenderorgan angewiesen sind“, sagt der Arzt. Einen Gesetzentwurf zur Einführung einer Widerspruchslösung hatte der Bundesrat Ende vergangenen Jahres in den Bundestag eingebracht. Begründet wurde der Vorstoß damit, dass das bisherige Gesetz zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft bei der Organspende nicht die erhofften Verbesserungen gebracht habe. Eine Entscheidung über die Initiative steht noch aus. Hoffnungsträger Maschinenperfusion Eine bedeutende Neuerung im Kampf gegen den Organmangel sieht Frings auch in der Maschinenperfusion. Seit dem 19. Januar 2026 gilt dieses Verfahren als neuer Standard für Nierenspenden von Spendern mit „erweiterten Kriterien“. Dazu zählen etwa Spender über 60 Jahre oder Personen zwischen 50 und 59 Jahren mit zusätzlichen Risikofaktoren, etwa Bluthochdruck oder einer zerebrovaskulären Todesursache wie einem Schlaganfall. Im Regelfall werden entnommene Spendernieren meist durch eine sogenannte kalte Konservierung aufbewahrt. Dabei werden die Organe nach der Entnahme mit speziellen gekühlten Lösungen gespült und anschließend in sterilen Organbeuteln transportiert. Bei der Maschinenperfusion hingegen wird das Organ nach der Entnahme kontinuierlich maschinell mit speziellen Konservierungslösungen durchspült, erklärt die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO). Dieses Verfahren gelte als besonders schonend und könne Organschäden mangels Durchblutung reduzieren. Dadurch ließen sich die Ergebnisse von Transplantationen verbessern. Studien zeigten zudem, dass auch andere Organe, wie Herzen oder Lebern, von maschinellen Perfusionsverfahren profitieren könnten. Gleichzeitig würden längere Transportzeiten möglich, sodass Spenderorgane auch über größere Entfernungen vermittelt werden könnten. Auch im St. Bernhard Hospital in KampLintfort wurde im Januar erstmals eine Nierenspende mit Maschinenperfusion durchgeführt. Der Prozess, der von der DSO koordiniert werde, verlaufe dabei völlig unkompliziert, berichtet der Transplantationsbeauftragte Frings. Die speziell geschulten Teams stellten die entsprechenden Maschinen bereit, während für die Krankenhäuser kein zusätzlicher organisatorischer Aufwand entstehe. In der Maschinenperfusion sehen Experten großes Zukunftspotenzial. Das Verfahren ermöglicht es nicht nur, Organe genauer zu untersuchen und ihren Zustand besser zu beurteilen. Wissenschaftler arbeiten auch daran, geschädigte Organe während der Perfusion gezielt therapeutisch zu behandeln. So wird beispielsweise erforscht, wie sich eine Verfettung von Spenderlebern reduzieren lässt. Mit durchschnittlich zwölf Organspendern pro eine Million Einwohner lag Deutschland laut einer Studie aus dem Jahr 2024 im globalen Vergleich im Mittelfeld. Im Vergleich mit anderen mittel- und westeuropäischen Staaten bildet Deutschland jedoch das Schlusslicht. Weltweiter Spitzenreiter ist Spanien mit 49,38 Organspendern pro eine Million Einwohner, gefolgt von den USA (48,04) und Portugal (36,8). Sowohl in Spanien als auch in Portugal gilt die Widerspruchslösung: Jede Person gilt grundsätzlich als Organspender, sofern sie zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat. Darüber hinaus wird dort – anders als in Deutschland – nicht ausschließlich der Hirntod als Kriterium für eine Organspende herangezogen. In Spanien und vielen anderen europäischen Ländern ist auch eine Organspende nach Herz-KreislaufStillstand möglich (Donation after Circulatory Death, DCD). Nach Angaben der gemeinnützigen DTI Foundation entfiel im Jahr 2025 mehr als die Hälfte der Organspenden in Spanien auf solche Fälle. In den USA gilt – ähnlich wie in Deutschland – eine Zustimmungsregelung. Sie wird jedoch vergleichsweise unbürokratisch umgesetzt: Wer einen Führerschein beantragt oder verlängert, wird automatisch nach seiner Bereitschaft zur Organspende gefragt. In einigen Bundesstaaten wird diese Entscheidung durch ein rotes Herzsymbol auf dem Führerschein kenntlich gemacht. Insgesamt sind dort nach Angaben der zuständigen US-Behörde mit 170 Millionen Menschen mehr als die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger als Organspender registriert. Doch auch dort sind die Wartelisten lang: Nach Angaben der US-Behörde warteten 103.223 Menschen auf ein Spenderorgan, pro Tag versterben im Schnitt 13 Personen, weil sich kein passendes Organ finden lässt. Organspende international
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