Rheinisches Ärzteblatt / Heft 4 / 2026 27 Wissenschaft und Fortbildung – Zertifizierte Kasuistik – Folge 88 Diagnostische und therapeutische Überlegungen von Tim Richardson und Christoph Scheid Anamnese Eine 65-jährige Patientin stellte sich auf Überweisung ihrer Hausärztin in unserer Ambulanz vor. Seit etwa eineinhalb Jahren berichtete sie über eine zunehmende Müdigkeit, reduzierte körperliche Belastbarkeit und anhaltende Abgeschlagenheit. In diesem Zeitraum war es wiederholt zu Infekten der oberen Atemwege gekommen, die insbesondere im letzten Jahr häufiger auftraten und mehrfach antibiotisch behandelt werden mussten. Seit mehreren Monaten bestanden zudem belastungsabhängige Knochenschmerzen, vor allem im Bereich der Brust- und Lendenwirbelsäule. Hinweise auf ein Trauma oder eine akute Verletzung ergaben sich nicht. Eine orthopädische Abklärung inklusive MRT ergab keinen Hinweis. Eine vermehrte Blutungsneigung war erstmals im Rahmen eines zahnärztlichen Eingriffs aufgefallen. Nach einer Zahnextraktion war es zu einem prolongierten Nachbluten gekommen, das eine lokale Nachbehandlung erforderlich machte. Zusätzlich berichtete die Patientin über eine vermehrte Hämatomneigung bei Bagatelltraumen. Ein unbeabsichtigter Gewichtsverlust, Nachtschweiß oder Fieber wurden verneint. Als Vorerkrankungen bestanden eine arterielle Hypertonie und eine Osteopenie. Eine maligne Grunderkrankung war bislang nicht bekannt. Klinischer Untersuchungsbefund · Allgemeinzustand leicht reduziert, Ernährungszustand altersentsprechend. · Blasse Hautfarbe, multiple kleinere Hämatome an Unterarmen und Unterschenkeln. · Kein Hinweis auf Lymphknotenvergrößerungen oder Hepatosplenomegalie. · Druckschmerzhaftigkeit über der thorakolumbalen Wirbelsäule. · Kardiopulmonaler und abdominaler Untersuchungsbefund unauffällig. Laborwerte Parameter Ergebnis Referenzbereich Hämoglobin 10,8 g/dl 2,15–2,55 mmol/l Leukozyten 4,2 /nl 4,0–10,0 /nl Thrombozyten 135 /nl 150–400 /nl Kreatinin 1,0 mg/dl < 1,1 mg/dl Egfr 68 ml/min > 60 ml/min Calcium 2,42 mmol/l 2,15–2,55 mmol/l CRP 4 mg/l < 5 mg/l Gesamteiweiß 9,4 g/dl 6,6–8,7 g/dl Albumin 3,4 g/dl 3,5–5,2 g/dl Immunglobulin G (IgG) 3.450 mg/ dl 700–1.600 mg/dl M-Protein (IgG κ) 2,1 g/dl nicht nachweisbar Freie κLeichtketten 78 mg/l 3,3–19,4 mg/l Freie λLeichtketten 9 mg/l 5,7–26,3 mg/l κ/λ-Ratio 8,7 0,26–1,65 Die Tabelle zeigt ausgewählte Labor- befunde bei Erstvorstellung der Patientin. Aufgrund der Anämie, der Hyperproteinämie sowie der Infektanfälligkeit wurde eine weiterführende Eiweißdiagnostik veranlasst. Spezielle Diagnostik In der Serumelektrophorese zeigte sich ein schmalbasiger, deutlich abgrenzbarer M-Gradient im Gamma-Bereich (siehe Abbildung). Die anschließende Immunfixation ergab ein monoklonales Immunglobulin vom Typ IgG κ. Die Bestimmung der freien Leichtketten zeigte eine pathologisch erhöhte κ/λ-Ratio. In der Knochenmarkuntersuchung fanden sich 14 Prozent klonale Plasmazellen. Eine bildgebende Staging-Diagnostik mittels Low-dose-CT des Skeletts zeigte keine osteolytischen Läsionen oder pathologischen Frakturen. Dr. Tim Richardson arbeitet an der Klinik I für Innere Medizin der Uniklinik Köln. Professor Dr. Christoph Scheid ist dort Oberarzt und Leiter der Stammzelltransplantation. Abbildung: Serumelektrophorese mit Nachweis eines monoklonalen M-Gradienten im Gamma-Bereich. Quelle: Uniklinik Köln Rezidivierende Infekte, zunehmende Müdigkeit und Knochenschmerzen bei einer 65-jährigen Patientin Hinweis: Die 2 Fortbildungspunkte können über das System des Einheitlichen Informationsverteilers (EIV) Ihrem Punktekonto bei der Ärztekammer gutgeschrieben werden. Es werden Ihre Einheitliche Fortbildungsnummer, die Veranstaltungsnummer und die Anzahl der Punkte übermittelt. via Rheinisches Ärzteblatt Im ersten Rheinischen Ärzteblatt des Quartals werden jeweils veröffentlicht: der einführende Artikel zum Thema, der Fragenkatalog und die Lernerfolgskontrolle mit Bescheinigung. Ausführliche Informationen zur Differenzial- diagnostik werden im Internet unter www.aekno.de/cme veröffentlicht. Zum Erwerb der Fortbildungspunkte müssen mindestens 70 Prozent der Fragen richtig beantwortet werden. In dem Fall können die Fortbildungspunkte über den Elektronischen Informationsverteiler (EIV) dem elektronischen Punktekonto des Arztes bei seiner Ärztekammer automatisch gutgeschrieben werden, falls die Einheitliche Fortbildungsnummer/Barcode auf die Lernerfolgskontrolle aufgeklebt und die Einverständniserklärung zur Datenübermittlung unterschrieben ist. Fortsetzung → Kurzanleitung zur „Zertifizierten Kasuistik“ Professor Dr. Malte Ludwig ist ambulant als Angiologe in Gmund am Teegernsee tätig und arbeitet in Kooperation mit dem Gefäßzentrum am Krankenhaus Agatharied. Er koordiniert und begleitet die Reihe inhaltlich.
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