Rheinisches Ärzteblatt 05/2026

38 Rheinisches Ärzteblatt / Heft 5 / 2026 Kulturspiegel Wein trinken. Der Ober kommt, um ihn probieren zu lassen und schenkt einen kleinen Schluck in das bereitgestellte Glas. Der Wein mundet und die Frage, ob der Kellner einschenken solle, wird bejaht. Nun schenkt der Kellner ein und ein und ein und ein. Irritiert schaut der Gast auf den Kellner, der nicht zu bemerken scheint, dass der Wein bereits überläuft, das Tischtuch durchtränkt, über den Tisch und auf den Boden fließt. „Es ist zu viel!“ ruft der Gast und springt auf. Erst jetzt reagiert der Ober und im Nu wird der imaginäre Wein mit Servietten weggewischt und -getupft. Das Tischtuch landet in der Ecke, und es startet ein neuer Versuch der gleichen Szene. Frank Genser und Christoph Schüchner tauschen dabei fortwährend im fliegenden Wechsel die Rollen und spielen in immer skurrileren Varianten die Ober-Gast-Szene durch, ohne dabei zum Vergnügen des immerzu giggelnden Publikums die Ernsthaftigkeit ihres Tuns aus den Augen zu verlieren. Irgendwann springen sie von dem Karussell und überlegen, ob es besser sei, die Szene quasi als Science-Fiction um 50 Jahre in die Zukunft zu verlegen. Beim lauten Nachdenken kommen sie darauf, dass dann wohl die Mehrheit des Publikums aus biologischen Gründen dem Stück nicht mehr beiwohnen könnte. Aber einen Versuch sei es Wert. Die Frage, warum der Titel „Die Rechnung“ lautet, wird ganz am Schluss des amüsanten Stückes beantwortet, das wie eine kleine Flucht vor den aktuellen, sorgenvollen Zeiten erscheint. I nformationen unter www.schauspiel.koeln oder Tel.: 0221 221 28400. Worte gesprochen werden und sich Genser und Schüchner um eine Erklärung der Handlung bemühen, so ist der Zuschauer doch am Ende der ersten viertel Stunde genauso schlau wie vorher, allerdings aufs Beste mit guter Laune ausgestattet und bereit für den Nonsens, der sich in der Folge auf der Bühne ausbreitet. Der britische Autor und Regisseur Tim Etchells entwickelte das Zwei-Personen-Stück zusammen mit den französischen Schauspielern Bertrand Lesca und Nasi Voutsas für ein Theaterfestival in Avignon. Die Uraufführung war 2023. Die deutschsprachige Fassung wurde 2024 auf den Wiener Festwochen gezeigt. Der Künstler Etchells lässt sich nicht in eine Schublande stecken. Seine Arbeiten bewegen sich zwischen Performance, bildender Kunst und Literatur. Vor allem durch seine Tätigkeit als künstlerischer Leiter der Performancegruppe „Forced Entertainment“ hat er sich einen Namen gemacht. Er wurde unter anderem mit dem Internationalen Ibsen-Preis ausgezeichnet. Etchells führt auch bei der Inszenierung der Komödie in Köln die Regie. Die Musik zu „Die Rechnung“ steuert Graeme Miller bei. Die Töne unterstützen die beiden Schauspieler und geben das Tempo für die Handlung vor. Auch entsteht manchmal der Eindruck, dass die Musik die Schauspieler antreibt in ihrem Handlungs-Hamsterrad, aus dem sie nur schwer ausbrechen können, aber es dennoch tapfer versuchen. Die Handlung spielt in einem Restaurant und ist aus dem Leben gegriffen. Ein Gast sitzt an einem eingedeckten Tisch mit Tischtuch und Besteck. Er möchte zum Essen ein Glas Das Kölner Schauspielhaus zeigt das skurrile Zwei-Personen-Stück „Die Rechnung“ von Tim Etchells, Bertrand Lesca und Nasi Voutsas. von Jürgen Brenn Die Tage sind gezählt. Mit dem Beginn der Spielzeit 2026/2027 soll das Kölner Schauspielhaus wieder in die angestammten Räume in der Kölner Innenstadt ziehen. Denn nach rund 15 Jahren Umbauzeit, in denen knapp 800 Millionen Euro verbaut wurden, ist die Wiedereröffnung der Kölner Bühnen am Offenbachplatz für September geplant. Bisher ist der Termin nicht erneut einkassiert worden, sodass die Wahrscheinlichkeit steigt, dass die Umzüge des Schauspiels vom Carlswerk in Köln-Mülheim und der Oper vom Staatenhaus in KölnDeutz tatsächlich bevorstehen. Zur Sicherheit klopfen alle Beteiligten auf Holz. Der seit dieser Spielzeit amtierende Schauspiel-Intendant Kay Voges wartete allerdings nicht auf den Umzug, sondern drückte dem Ausweichquartier seinen Stempel auf. So ist zu den beiden Hauptspielstätten Depot 1 und 2 eine weitere kleine Bühne hinzugekommen, genau dort, wo vorher die Toiletten für Frauen, Männer und Divers in Containern untergebracht waren. Nun gibt es eine Unisex-Toilette und der frei gewordene Platz wurde zum Depot 3 umgestaltet. In dieser kleinen Spielstätte finden kaum mehr als hundert Zuschauer Platz, und die Bühne ist ebenfalls mit einer Fläche von rund sechs auf drei Meter sehr überschaubar. Die Nähe zum Publikum ist garantiert. Die Protagonisten Frank Genser und Christoph Schüchner wissen dies zu nutzen und gehen direkt mit den Zuschauern auf Tuchfühlung. „Die Rechnung“ muss, bevor es losgeht, erklärt werden. Denn es gebe in dem Stück ein bis zwei Stellen, die kompliziert seien, wie die beiden Schauspieler gestikulierend erläutern. Sie korrigieren sich allerdings sofort, denn es könnten doch mehr komplizierte Stellen sein. Bereits die Einführung, bei der sich die beiden Männer in schwarzen Hosen und gestärkten weißen Hemden die Bälle in einem immer schnelleren Ping-Pong-Spiel zuwerfen, bringt das Publikum zum Lachen. Wenn auch viele „Das ist zu viel! Das ist zu viel!!“ Frank Genser (links) und Christoph Schüchner wechseln fliegend die Rollen von Gast und Kellner in der sehenswerten Slapstick-Komödie „Die Rechnung“ von Tim Etchells. Foto: Nurith Wagner-Strauss

RkJQdWJsaXNoZXIy MjMxMzg=