12 Rheinisches Ärzteblatt / Heft 7 / 2026 Thema – 130. Deutscher Ärztetag Foto: wildpixel/istockphoto.com Gut zwei Millionen Menschen in Deutschland sind abhängig von Alkohol, bis zu 1,9 Millionen von Medikamenten und schätzungsweise 170.000 von illegalen Opiaten. Diese Zahlen stammen aus dem Jahrbuch Sucht 2026 der Deutschen Hauptstelle für Suchtgefahren (DHS) und belegen, dass Suchtmittelkonsum und Abhängigkeitserkrankungen kein Randphänomen sind. Für den 130. Deutschen Ärztetag war das ein Grund, das Thema Mitte Mai in Hannover auf die Tagesordnung zu setzen und eine Wende in der Suchtmedizin zu fordern: hin zu mehr Prävention, einer Stärkung der Suchthilfe mit der Möglichkeit früher Interventionen sowie einer Förderung suchtmedizinischer Kompetenzen in der ärztlichen Aus-, Weiter- und Fortbildung. Außerdem traten die Abgeordneten dafür ein, der fortdauernden Stigmatisierung von Suchtkranken entgegenzuwirken. Rückenwind erhielten sie dabei aus der Politik. „Wir investieren den größten Teil unseres Geldes in die Reparatur von Krankheiten und nicht in ihre Vermeidung“, kritisierte Professor Dr. Hendrik Streeck vor dem Ärzteparlament. Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung machte dafür auch Fehlanreize im Vergütungssystem für medizinische Leistungen verantwortlich. Es finanziere den späten Schaden besser als die frühe Hilfe. Gerätemedizin und einzelne Prozeduren würden verlässlicher abgebildet als sprechende Medizin, Behandlung, Begleitung und Rehabilitation. Dasselbe gelte für komplexe Behandlungspfade, die Medizin, Psychiatrie, Rehabilitation, Jugendhilfe und Schule zusammenbringen würden, wie das zum Beispiel eine leitliniengerechte Suchtbehandlung von Kindern und Jugendlichen erfordere. „Prävention scheitert in Deutschland nicht an mangelnder Evidenz“, sagte Streeck. Sie scheitere an einer Finanzierungslogik, die Reparatur belohne und Vermeidung benachteilige. „Prävention ist politisch unbequem, weil ihr Erfolg leise ist“, erklärte der Arzt und CDU-Politiker. Gemessen werde dabei nicht, was passiere, sondern was nicht passiere: weniger Sucht, weniger Herzinfarkte, weniger Diabetes, weniger Krebs. Diese Effekte stellten sich aber oft erst nach Jahren ein. Kinder besser schützen Streeck sprach sich in diesem Zusammenhang für tiefgreifende Veränderungen hin zu einem präventionsorientierten Gesundheitssystem aus. Voraussetzung dafür sei neben einer Reform des Vergütungssystems ein Primärversorgungssystem, das nicht nur überweise, sondern führe, und die Förderung von mehr Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung. Das sei auch entscheidend für die Suchtmedizin. „Suchterkennung, Suchtvermeidung, Prävention und Frühintervention passen schlecht in ein System, das vor allem dann verlässlich reagiert, wenn die Suchterkrankung manifest ist, wenn sie eindeutig und teuer geworden ist“, sagte Streeck. Suchtmedizin bedeute frühes Erkennen, frühe Hilfe und frühe Intervention. Der Bundesdrogenbeauftragte wies zugleich darauf hin, dass sich die Welt, in der Sucht entstehe, gewanDen Fokus auf Prävention richten Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer Suchterkrankung. Die gesundheitlichen Folgen sind oft gravierend. Neben dem persönlichen Leid entstehen enorme volkswirtschaftliche Kosten. Die Ärzteschaft spricht sich vor diesem Hintergrund für eine Wende in der Suchtmedizin aus: mehr Prävention, frühere Hilfen und weniger Fokus auf reiner Reparaturmedizin. von Heike Korzilius
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