Rheinisches Ärzteblatt / Heft 8 / 2026 39 Kulturspiegel sammenzufinden. Familienbande sind trotz aller Zwistigkeiten und unterschiedlicher Auffassungen stark. Besonders als Luke spur- und wortlos verschwindet, ist Jenny tröstend an der Seite ihrer großen Schwester. Es stellt sich heraus, dass ausgerechnet der Computer-Nerd Luke Opfer einer Cyber-Mobbing-Attacke geworden ist. Seine Mitschülerin Natalie, gespielt von Greta Ebling, hatte ein indiskretes und für den 17-jährigen Luke überaus peinliches Foto ins Netz gestellt, das sie durch einen massiven Vertrauensbruch erhalten hatte. Mit hochrotem Kopf bricht für Luke eine Welt zusammen und er verschwindet aus Scham, Verzweiflung und Enttäuschung von der Bildfläche. Zum guten Schluss taucht er etwas zerlumpt wieder auf. Mutter wie Tante schließen ihn in die Arme, und er unternimmt einen neuen Versuch, seiner Mutter klarzumachen, dass er partout nicht in Genf bleiben möchte. Alice bemüht sich zwar, ihrem Sohn zuzuhören, hat aber den Kopf beim CERN, der kurz vor seiner Inbetriebnahme steht. Ausgerechnet die von Alice einmal als „gestörte Vollidiotin“ titulierte Jenny bietet Neffe und Schwester eine Lösung des Konflikts an, mit dem am Ende alle leben können. Auch ihr Schicksal scheint sich zum Guten zu wenden, denn trotz Alkohol- und Tablettenmissbrauch ist sie auf natürlichem Wege erneut schwanger geworden und will die Schwangerschaft dieses Mal mit etwas mehr Vertrauen in die Schulmedizin angehen. Informationen unter www.theateraachen.de oder Tel.: 0241 4784 244. den Impfkritikern glaubte und den Säugling gegen den Rat von Alice nicht hat impfen lassen. Derweil ist Alices Mann auf mysteriöse Weise von einem Tag auf den anderen spurlos verschwunden. Ob er Suizid beging, bleibt im Dunkeln. Alice ist jedenfalls gezwungen, ihr Leben mit dem pubertierenden Luke, dem sein Vater als Bezugsperson fehlt, selbst in die Hand zu nehmen. Jenny, die noch in der provinziellen Heimatstadt in England lebt, hat auch Mutter Karen mit nach Genf gebracht. Die Grande Dame, mit viel Würde gespielt von Bettina Scheuritzel, war ebenfalls Naturwissenschaftlerin und musste mit ansehen, wie ihre Entdeckungen im patriarchalisch geprägten Wissenschaftsbetrieb ihrem Mann zugeschrieben wurden. Trotz aller Würde und britischer Herablassung kann sie nicht verbergen, dass der Zahn der Zeit deutlich an ihr nagt. Sie leidet an Inkontinenz und beginnender Demenz. Was sie ihren beiden Töchtern zu gleichen Teilen vererbt hat, ist eine scharfe Zunge und die Gabe, ohne Rücksicht auf Verluste an alten Wunden zu rühren und mit Genuss neue aufzureißen. Wie in CERN tief unter der Erde Atomkerne beinahe mit Lichtgeschwindigkeit aufeinanderprallen, so krachen die Frauen bei jeder sich bietenden Gelegenheit voller Emotionen aufeinander, prallen voneinander ab, um kurz darauf doch wieder zuAm Theater Aachen ist „Moskitos“ von Lucy Kirkwood in einer turbulenten, aufreibenden Inszenierung zu sehen. von Jürgen Brenn Das Stück „Moskitos“ der britischen Autorin Lucy Kirkwood, das 2017 am Londoner National Theater uraufgeführt wurde, ist ein sogenanntes Well-Made-Play, eine Dramenform, die im 19. Jahrhundert von dem französischen Autor Eugène Scribe entwickelt wurde. Ein Well-Made-Play zeichnet sich beispielsweise durch ein komplexes, mit etlichen Verwirrungen gespicktes Handlungsgeschehen aus. Es gibt Geheimnisse und die Hauptfiguren erleben ein Wechselbad der Gefühle, die auf einen dramatischen Höhepunkt zusteuern. Am Ende steht eine logische Lösung aller Konflikte. Das Ganze garniert Kirkwood mit scharf pointierten Dialogen, die vor derben Sprüchen und Beleidigungen nicht halt machen. „Moskitos“, bei dem Jenke Nordalm Regie führt, ist derzeit am Theater Aachen zu sehen. „Moskitos“ dreht sich um die beiden Schwestern Alice, gespielt von Stefanie Rösner, und Jenny, gespielt von Nola Friedrich, die die unterschiedlichen Charaktere hervorragend verkörpern. Alice, im strengen grauen Business-Hosenanzug, ist Naturwissenschaftlerin. Die Britin ist für ihre Karriere als Teilchenphysikerin nach Genf gezogen, wo sie hilft, den riesigen, unterirdischen Teilchenbeschleuniger am Europäischen Kernforschungszentrum CERN aufzubauen. Sie tritt beherrscht, konzentriert und etwas unterkühlt auf. Sie ist die Vernunft und Systematik in Person und hat einen 17-jährigen Sohn, Luke, gespielt von Maurice Läbe, dem anzusehen ist, dass er nicht freiwillig in der Schweiz ist. Abweisend und schlecht gelaunt lümmelt er auf einem Knautschkissen herum und vollbringt als Computer-Nerd doch Erstaunliches. Jenny, die Schwester von Alice, emotional, neurotisch und chaotisch, kommt zu Besuch in die Schweiz. Die Schwestern sehen sich nach zwei Jahren zum ersten Mal wieder. Beide haben ihr Päckchen zu tragen. Jennys Kind ist kurz zuvor gestorben, weil sie Von beschleunigten Teilchen und verzweifelten Schwestern Alice (links) und Jenny sind in „Moskitos“ heillos in Familienzwistigkeiten verstrickt. Sie können nicht miteinander, aber die eine kann auch nicht ohne die andere. Foto: Thilo Beu
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