24 Rheinisches Ärzteblatt / Heft 9 / 2025 Forum Vor 80 Jahren endete der Zweite Weltkrieg und hinterließ Millionen vergewaltigter Frauen und Mädchen. Im Bosnienkrieg, der vor 30 Jahren zu Ende ging, wurden Schätzungen zufolge bis zu 50.000 Frauen und Mädchen vergewaltigt, gefoltert oder sexuell versklavt. Das Leid der Betroffenen blieb lange Zeit ein gesellschaftliches Tabu. Die Hilfsorganisation medica mondiale hat sich dem Kampf gegen sexualisierte Kriegsgewalt verschrieben, die in ihren Augen keine Ausnahme ist, sondern ein System. von Heike Korzilius Im November 1992, wenige Monate nach Beginn des Bosnienkrieges, berichtete der „Stern“ über die Massenvergewaltigung bosnischer Frauen. Für Dr. Monika Hauser gab das den Anstoß zu handeln. Die damals 33-jährige Gynäkologin wollte helfen – und zwar vor Ort. Mitten im Krieg gelang es ihr, gemeinsam mit einheimischen Psychologinnen und Ärztinnen im bosnischen Zenica ein Therapiezentrum und damit eine erste Anlaufstelle für kriegsvergewaltigte Frauen und Mädchen zu eröffnen. Es war zugleich die Geburtsstunde der Frauenrechts- und Hilfsorganisation medica mondiale, die heute ihren Sitz in Köln hat und deren Vorstandsvorsitzende Hauser ist. Die Opfer werden stigmatisiert „Der Bedarf an ganzheitlicher Unterstützung war damals unglaublich groß – und ist es bis heute, denn noch immer werden gewaltbetroffene Frauen stigmatisiert und erhalten nicht die gesellschaftliche Unterstützung, die sie brauchen“, erklärt Hauser gegenüber dem Rheinischen Ärzteblatt. Mit vielen Klientinnen aus dem Therapiezentrum in Zenica, aber auch mit Fachfrauen der ersten Stunde, steht sie noch immer in Verbindung. „Wir treffen uns bei Tagungen wieder oder sind über die Jahre enge Freundinnen geworden“, so Hauser. Manche der Klientinnen hätten sich später selbst gegen sexualisierte Kriegsgewalt engagiert oder arbeiteten bis heute bei medica mondiales Partnerorganisation Medica Zenica. Die Kraft und der Mut vieler betroffener Frauen beeindruckten sie bis heute, sagt Hauser. Da sei zum Beispiel die Geschichte von Ajna, Tochter einer der ersten Klientinnen des Therapiezentrums, einer Frau, die im Bosnienkrieg vergewaltigt wurde. Auch Dank der Unterstützung von Medica Zenica habe sich die Klientin damals für ihr Kind entscheiden können. Und diese Tochter habe als erwachsene Frau selbst eine Organisation gegründet, die sich für „Children born of war“ einsetzt, für Kinder aus Kriegsvergewaltigungen. Vergewaltigung als Waffe Sexualisierte Kriegsgewalt ist aus Sicht von medica mondiale weder ein Phänomen der neueren Zeit noch eine Ausnahmeerscheinung. Vergewaltigungen würden in allen Kriegen systematisch als Waffe eingesetzt. Sie seien die „logische“ Fortsetzung und eine der massivsten Folgen der weltweit vorherrschenden patriarchalen Strukturen mit ihren Abhängigkeiten und ihrem Machtgefälle. medica mondiale verfolgte deshalb von Anfang an eine Doppelstrategie: auf der einen Seite die direkte Unterstützung der von Gewalt betroffenen Frauen, auf der anderen Seite das Ziel, gesellschaftliche Veränderungen durch mehr Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen. Sexualisierte Gewalt müsse als Unrecht anerkannt, sie müsse dokumentiert und geahndet werden, fordert die Organisation. Denn die Folgen nicht bearbeiteter Traumata würden oft an Kinder und Enkelkinder weitergegeben. Seit Jahren rückt medica mondiale deshalb die lange tabuisierte sexualisierte Kriegsgewalt während des Zweiten Weltkriegs immer wieder in den Blick der Öffentlichkeit. Bis zu zwei Millionen Frauen und Mädchen wurden Schätzungen zufolge allein in Deutschland am Ende des Zweiten Weltkriegs von alliierten Soldaten vergewaltigt. Dazu kamen die Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen in den von der Wehrmacht und der SS besetzten Gebieten sowie die sexualisierte Gewalt in den Konzentrationslagern. Studien zeigten, dass etwa die Hälfte der Betroffenen langfristig unter Symptomen wie Schlaflosigkeit, unkontrollierbaren Erinnerungsblitzen und Angstzuständen litten, heißt es in der Broschüre „Kein Krieg auf meinem Körper“, die medica mondiale 2019 mit Fachbeiträgen zu sexualisierter Gewalt, Trauma und Gerechtigkeit – so der Untertitel – herausgegeben hat. Dabei seien in der Nachkriegszeit die Vergewaltigungen von Müttern, Großmüttern, aber auch von jungen Mädchen in den Familien fast durchgängig tabuisiert und verschwiegen worden, schreibt die ärztliche Psychotherapeutin Professor Dr. Luise Reddemann dort. Die Folgen der Nichtbearbeitung und Verdrängung zeigten sich bei den Betroffenen zuweilen in psychischen und somatischen Sexualisierte Kriegsgewalt ist System Öffentlicher Protest: Mit der Kampagne „Keine Kriegsbeute“ ihre Folgen aufmerksam.
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