Rheinisches Ärzteblatt / Heft 9 / 2025 25 Forum Erkrankungen, Drogenmissbrauch, Suizidversuchen und neuer Gewalt. Aber auch Ehen und Beziehungen zu den eigenen Kindern litten unter den Vergewaltigungserfahrungen der Ehefrauen und Mütter, weil die Betroffenen zum Beispiel Nähe nicht mehr zulassen könnten. Die Folge: Das unbearbeitete Trauma prägt oft noch die nachfolgenden Generationen. Rechtliche Fortschritte Auch 1995 in Bosnien mussten Frauen über sexualisierte Gewalterfahrungen schweigen, um gesellschaftlich nicht ausgegrenzt zu werden. Doch seither hat es im Kampf gegen sexualisierte Kriegsgewalt formal durchaus Fortschritte gegeben. So verpflichteten sich im Jahr 2000 die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen in UN-Resolution 1325 dazu, Frauen und Mädchen in bewaffneten Konflikten und in der Nachkriegszeit vor sexualisierter Gewalt zu schützen und sie gleichberechtigt an Friedensprozessen und am Wiederaufbau zu beteiligen. Seit 2008 gelten Vergewaltigungen und andere Formen sexualisierter Gewalt völkerrechtlich als Kriegsverbre- macht medica mondiale auf Kriegsvergewaltigungen und Foto: medica mondiale chen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit (UN-Resolution 1820). In der sogenannten Istanbul-Konvention, die auch Deutschland 2018 ratifiziert hat, verpflichten sich die Unterzeichnerstaaten, geschlechtsspezifische Gewalt umfassend zu bekämpfen – durch Schutzmaßnahmen, Prävention und konsequente Strafverfolgung. Auch in der öffentlichen Wahrnehmung hat das Thema einen anderen Stellenwert bekommen, seit im Jahr 2018 der Friedensnobelpreis an zwei Aktivisten gegen sexualisierte Kriegsgewalt verliehen wurde. Der kongolesische Gynäkologe Denis Mukwege hat in seinem Krankenhaus in Bukavu im Osten der Demokratischen Republik Kongo über die Jahre Zehntausende kriegsvergewaltigte Frauen und Mädchen operiert und medizinisch versorgt. Die irakische Jesidin Nadia Murad wurde selbst Opfer sexualisierter Gewalt durch den sogenannten Islamischen Staat. Das Nobelkomitee ehrte sie für ihren Mut, das Schweigen über solche Taten gebrochen und den Opfern sexueller Gewalt eine Stimme gegeben zu haben. Monika Hauser selbst war bereits 2008 für ihr Engagement mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden. „Wir haben heute eigentlich einen breiten rechtlichen Rahmen, international und national. Die Gesetzgebung für die Strafverfolgung und Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in bewaffneten Konflikten hat sich verbessert“, erklärt Hauser. Die Umsetzung gestalte sich jedoch nach wie vor schwierig, weil es häufig an politischem Willen, an finanziellen und personellen Ressourcen mangele. „Daher fordert medica mondiale, die Strafverfolgung von Tätern nach internationalem Strafrecht stärker zu fördern und politisch zu unterstützen“, sagt Hauser. Dafür müsse auch die Fachexpertise innerhalb der deutschen Justiz- und Sicherheitsbehörden auf- und ausgebaut werden. Außerdem müsse in Ermittlungs- und Gerichtsverfahren die psychosoziale Betreuung von Überlebenden sexualisierter Gewalt sowie von Zeuginnen und Zeugen sichergestellt und stress- und traumasensibel umgesetzt werden. „Überlebende brauchen körperliche und materielle Sicherheit, psychosoziale und medizinische Unterstützung sowie rechtliche Beratung“, fordert Hauser. Neben der rechtlichen Situation habe sich auch politisch, gesellschaftlich und medial viel verändert, meint die Frauenrechtlerin. Sexualisierte Kriegsgewalt werde nicht mehr als „Kollateralschaden“ oder „vermeintliches Nebenprodukt“ von Kriegen wahrgenommen, sondern als das, was sie sei: eine schwere Menschenrechtsverletzung. Sexualisierte Gewaltverbrechen würden heute besser dokumentiert als noch vor 30 Jahren und es gebe in einigen Ländern Entschädigungszahlungen für betroffene Frauen. Frauenrechte sind bedroht Zugleich bestehen Hauser zufolge aber die Ursachen der Gewalt fort. Nach wie vor würden Frauen benachteiligt, weil sie Frauen seien, und patriarchale Machtverhältnisse würden fortgeschrieben. Weltweit und auch in Deutschland sei zu beobachten, dass Gewalt gegen Frauen und Mädchen wieder zunehme, dass Frauenrechtsorganisationen bedroht und ihre Handlungsspielräume eingeschränkt würden, dass rechtspopulistische und antifeministische Bewegungen erstarkten und die Rechte und Selbstbestimmung von Frauen und Mädchen in Frage stellten. „Daher brauchen wir dringend auch weiterhin eine feministische Außen- und genauso Innenpolitik“, fordert Hauser. Die Verteidigung von Frauenrechten, der Schutz von Frauen und Mädchen und die Bekämpfung von geschlechtsspezifischer Gewalt dürfe nicht gegen vermeintlich größere Konflikte ausgespielt werden. In der Politik der Bundesregierung seien der Schutz und die Rechte von Frauen bisher allerdings nur eine Randnotiz. medica mondiale setzt sich seit 1993 in Projekten weltweit für die Rechte und die Gesundheit von Mädchen und Frauen in Kriegs- und Krisengebieten ein. Informationen: www.medicamondiale.org; Spendenkonto: Sparkasse Köln-Bonn, IBAN: DE92 3705 0198 0045 0001 63. Für Frauenrechte, gegen sexualisierte Gewalt
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