Rheinisches Ärzteblatt 09/2026

Mein Beruf Rheinisches Ärzteblatt / Heft 9 / 2026 47 uns mit den Patienten zu beschäftigen, Risiken einzuschätzen und Entwicklungen zum Teil über Jahre hinweg zu beobachten. Natürlich muss man der eigenen Sicherheit genügend Aufmerksamkeit widmen. Man muss deeskalieren können und ein gewisses Maß an Erfahrungen und Intuition mitbringen. Man darf eine therapeutische Situation nie naiv bewerten, sondern man muss immer mit klaren Grenzen arbeiten. : Gibt es Situationen, die Ihren Blick auf psychische Erkrankungen oder den Maßregelvollzug nachhaltig verändert haben? Karpenko: Im Maßregelvollzug begegnet man immer Menschen, die schwerwiegende Straftaten begangen haben, die aber zugleich oft sehr schwer psychisch krank sind und eine lange Vorgeschichte der Desintegration mitbringen. Ich versuche, das weder zu verharmlosen noch auf seine Gefährlichkeit zu reduzieren. In der Forensik muss man das aushalten können. Eindrücklich sind für mich vor allem die vielversprechenden Verläufe. Wenn Patienten auf einmal doch Krankheitseinsicht zeigen, eine gewisse Impulskontrolle sichtbar wird und eine beginnende Auseinandersetzung mit dem Delikt festzustellen ist, wenn Patienten Reue und die Motivation zur Veränderung zeigen. Besonders erfüllend ist es, wenn man eine stabile therapeutische Beziehung zu einem Patienten aufbauen kann, obwohl dieser ja nicht freiwillig bei uns ist. Es ist bei uns von daher eher die Regel als die Ausnahme, dass wir Patienten im Durchschnitt nach sechs bis acht Jahren mit einem guten Bauchgefühl entlassen können. : Welche Vorurteile über die forensische Psychiatrie würden Sie gerne ausräumen? Karpenko: Vor allem, dass wir nur wegsperren. Natürlich ist es unsere Aufgabe, für Sicherheit zu sorgen und die Allgemeinheit vor Gefahren zu schützen. Aber gleichzeitig haben wir auch einen Behandlungsauftrag. Ziel ist es, die Risiken richtig einzuschätzen, vorhandene Symptome zu behandeln, ein adäquates Krankheitsverständnis und -gefühl beim Patienten zu schaffen und, falls möglich, diese Menschen wieder schrittweise in das Leben außerhalb der Klinik zu integrieren. Ein weiteres Vorurteil ist, dass alle forensischen Patienten dauerhaft hochgefährlich seien. Das ist zu pauschal formuliert. Die Krankheitsbilder unterscheiden sich ebenso sehr wie die Straftaten, die unsere Patienten begangen haben. Das Interview führte Vassiliki Temme. Timur Karpenko, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie „Psychisch krank heißt nicht automatisch gefährlich“ Job, Beruf, Berufung? – An dieser Stelle berichten junge Ärztinnen und Ärzte über ihren Weg in den Beruf, darüber, was sie antreibt und warum sie – trotz mancher Widrigkeiten – gerne Ärztinnen und Ärzte sind. : Was hat Sie dazu bewogen, in der forensischen Psychiatrie tätig zu werden? Karpenko: Nach dem Studium habe ich das Praktische Jahr zunächst in der Neurologie verbracht, um mich somatisch solide aufzustellen. In der Facharztweiterbildung zum Psychiater habe ich anschließend vor allem in der Sucht- und der Akutpsychiatrie gearbeitet. Ich war auch lange Zeit in der Notaufnahme und der ambulanten Sprechstunde tätig. Nach der Facharztprüfung wollte ich mit diesem Vorwissen ein neues Kapitel beginnen. Mir ist es wichtig, mich fachlich stets weiterzuentwickeln. Die Forensik bietet dafür einen sehr anspruchsvollen Rahmen, weil dort medizinische, psychotherapeutische und auch juristische Aspekte zusammenkommen. : Welche Aufgaben prägen Ihren Arbeitsalltag? Karpenko: Mein Alltag verläuft meist ziemlich strukturiert und ruhig. Akute Krisen gibt es natürlich auch, aber sie stehen nicht ständig im Vordergrund. Einer unserer Behandlungsschwerpunkte am LVR-Klinikum in Düsseldorf sind psychotische Erkrankungen, die bei guter Therapieadhärenz sehr gut auf Medikamente ansprechen. Im Alltag geht es vor allem darum, empfindliche Fühler für jede einzelne Patientin und jeden einzelnen Patienten zu entwickeln, um mögliche Veränderungen oder Verschlechterungen im Gesundheitszustand richtig und zeitnah wahrnehmen und einschätzen zu können. Man muss das Therapieregime sehr individuell gestalten und den Gesamtüberblick behalten können. : Wie gelingt es Ihnen, das Spannungsfeld zwischen Therapie und Sicherheit zu bewältigen? Karpenko: Ich sehe Therapie und Sicherheit nicht unbedingt als Gegensätze. In der Forensik gehört beides zusammen. Man muss psychische Erkrankungen mit einem Foto: LVR-Klinikum Düsseldorf Timur Karpenko wurde 1994 in Sewastopol auf der Halbinsel Krim geboren. Mit zwölf Jahren kam er nach Minden in Ostwestfalen, besuchte dort die Schule bis zum Abitur. Von 2014 bis 2020 studierte er Humanmedizin an der Heinrich-HeineUniversität in Düsseldorf. Seit März dieses Jahres ist Karpenko Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er ist Oberarzt in der Abteilung für forensische Psychiatrie am LVR-Klinikum in Düsseldorf. ganz klaren Fahrplan behandeln, mit einer ganz präzise formulierten Risikoeinschätzung und mit einer Verantwortung sowohl für die Allgemeinheit als auch für sich selbst und die Patienten. Wichtig ist, dass psychisch krank nicht automatisch gefährlich bedeutet. Die öffentliche Wahrnehmung ist oft durch sehr spektakuläre Einzelfälle geprägt. Wir haben in der Forensik viel Zeit, „Man braucht empfindliche Fühler für seine Patienten“

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