Rheinisches Ärzteblatt 11/2026

Rheinisches Ärzteblatt / Heft 11 / 2026 35 Kulturspiegel Am Theater Oberhausen ist eine packende deutschsprachige Erstaufführung von „Brokeback Mountain“ nach der Kurzgeschichte von Annie Proulx zu erleben. von Jürgen Brenn Am Theater Oberhausen wird gebaut. Der übliche Zugang ist mit Bauzäunen verstellt, und die Stufen zu den Eingangstüren existieren nicht mehr. Die Theaterschaffenden machen aus der Baustellensituation eine Tugend und haben sich für die Inszenierung der Theaterversion von „Brokeback Mountain“ von Ashley Robinson in den hinteren, noch bespielbaren Teil des Bühnenraums des Großen Hauses zurückgezogen. Die Spielstätte heißt „Raumbühne Großes Haus“ und wird über einen Seiteneingang betreten. Die rund 120 Zuschauerinnen und Zuschauer sitzen beinahe rund um die Spielfläche, wie in einem Amphitheater. Die Bühnenbildnerin Mareike Delaquis Porschka hat die Spielstätte in einen Westernsaloon verwandelt. Auf der einen Seite steht eine Theke, dahinter eine beeindruckende Whiskey-Sammlung und davor Pferdesättel als Barhocker. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raums hat sich die „Million Dollar Cowboy Band“ auf einer kleinen mit einer bunten Lichterkette geschmückten Bühne eingerichtet. Die Band unter der musikalischen Leitung von MarcRainer Kamp begleitet einfühlsam die Aufführung mit Liedern von Dan Gillespie Sells, die von der hervorragend singenden Schauspielerin Regina Leenders im Fransenoverall und der Band interpretiert werden. Die Kurzgeschichte „Brokeback Mountain“ der Schriftstellerin Annie Proulx ist 1997 im New Yorker veröffentlicht worden. Den Berg gleichen Namens sucht man vergeblich auf den Landkarten Amerikas. Ang Lee verfilmte das Liebesdrama im Jahr 2005. Der Film räumte 2006 drei Oscars ab. Gleichzeitig entfachte er einen Sturm der Entrüstung. Im Jahr 2023 folgte dann die Theaterfassung des Stoffs von Ashley Robinson. Die Uraufführung fand in London statt. Die deutschsprachige Adaption feierte ihre Premiere in Oberhausen, bei der Kathrin Mädler die Regie führt. Wir befinden uns im US-Bundesstaat Wyoming Anfang der 1960er-Jahre. Die Luft ist von Zigarettenrauch und Nebel geschwängert, der unablässig aus den Nebelmaschinen wabert. Auf den Tischen des dämmrigen Saloons stehen kleine Lampen und große Aschenbecher. Alle tragen Cowboystiefel an den Füßen und die Männer Cowboy-Hüte auf dem Kopf. Dazwischen ist viel Jeansstoff zu sehen. Minutenlang verliert keiner der Schauspieler ein Wort. Es wird entschleunigt und das Publikum langsam auf die beiden Hauptfiguren der Handlung eingestimmt. Jack Twist, gespielt von Tim Weckenbrock, und Ennis del Mar, gespielt von Philipp Quest, werden für einen Sommer zu Arbeitskollegen. Sie verdingen sich als Schafhirten, wobei Jack bei den Tieren am Berghang bleibt und Ennis im über eine Reitstunde entfernten Lager für dessen Verpflegung sorgen soll. Der Manager der Ranch Joe Aguirre, gespielt von Jens Schnarre, schärft den beiden die Regeln ein und verschwindet dann wieder. Jack und Ennis sind ab jetzt allein und auf sich gestellt. Auch wenn Jack, der sich auch als mittelmäßig erfolgreicher Rodeo-Reiter versuchte, nicht viele Worte verliert, so erscheint er gegenüber dem sich anfangs nur durch Brummlaute äußernden Ennis wie eine Quasselstrippe. Wie man sich eben raubeinige Männer in einsamen weiten Landschaften vorstellt, findet die Kommunikation nur spärlich statt. Und dennoch finden die beiden, durch zaghafte, eher zufällige Berührungen, kindische Raufereien und Neckereien zueinander. Die beiden Protagonisten spielen diese Szenen mit viel Einfühlungsvermögen. Trotz strengem Verbot bleibt Ennis eines Nachts bei Jack auf dem Berg. Am nächsten Tag versichern sie sich im Brustton der Überzeugung, dass sie nicht schwul seien. Der Rest des Sommers spricht eine andere Sprache und aus der einen Nacht werden viele, wobei sie streng darauf achten, dass ihre Beziehung nicht entdeckt wird. Nach dem Ende der Arbeit mit den Schafen verlieren sich die beiden aus den Augen und gründen jeweils eine Familie. Nach vier Jahren nimmt Jack auf der Durchreise wieder Kontakt zu Ennis auf. Auch wenn sie ihre Kinder lieben und irgendwie auch ihre Ehefrauen, so flammt doch die wahre große Liebe zwischen den beiden Männern wieder auf. Von da an treffen sie sich zweimal im Jahr für eine „Angeltour“, wie sie es ihren Ehefrauen gegenüber bezeichnen, am Brokeback Mountain. Dazwischen leben sie unglücklich ihr bürgerliches Leben mit der heterosexuellen und damit der gesellschaftlich akzeptierten Fassade. Dahinter werden beide an der Seite ihrer Frauen immer unzufriedener mit ihrer Lebenssituation. Jack träumt von einer gemeinsamen Farm, die sie beide zusammen bewirtschaften könnten. Ennis weist ihn immer wieder darauf hin, was im Mittleren Westen mit gemeinsam lebenden Männern passiert. Es bleibt eine unglückliche, geheime Liebe, die sich über Jahrzehnte hinzieht. Ennis Gattin Alma, gespielt von Luise Ehl, spürt eher, als dass sie weiß, dass ihr Mann noch eine andere Beziehung führt. Sein Liebeskummer wirkt sich toxisch auf die Familie aus. Alma zieht die Reißleine und lässt sich von ihm scheiden. Jack führt an der Seite seiner starken und wohlhabenden Frau Lureen, gespielt von Regina Leenders, sein Leben in zweiter Reihe und träumt von einem abgeschiedenen Leben in Zweisamkeit mit Ennis. Dieser bekommt irgendwann eine Postkarte mit der Nachricht, dass Jack tot ist. Ob es ein Unfall war oder ihn doch ein aufgebrachter Mob erschlagen hat, nachdem seine sexuelle Orientierung publik wurde, bleibt offen. Informationen unter www.theater-oberhausen.de oder Tel.: 0208 8578 184. Howdy, ihr liebenden Männer Tim Weckenbrock (links) und Philipp Quest spielen die unglücklich verliebten Cowboys Jack und Ennis in dem Stück „Brokeback Mountain“, das am Theater Oberhausen zu sehen ist. Foto: Lukas Diller

RkJQdWJsaXNoZXIy MjMxMzg=