Rheinisches Ärzteblatt / Heft 12 / 2025 17 aktivierte Herpesviren nachgewiesen, weil sich das Immunsystem während der Zeit im All, unter anderem durch Stress und wahrscheinlich auch durch Strahlung, geringfügig verschlechtert habe. Auch der Tag-NachtRhythmus müsse sich erst wieder auf die innere 24-Stunden-Uhr einstellen. Denn auf der ISS erlebten die Astronauten alle 90 Minuten einen Sonnenaufgang. In der Regel dauere es nach einer sechsmonatigen Mission auf der ISS mithilfe eines intensiven Reha-Programms ungefähr drei Wochen, bis die Astronauten wieder fit seien, lediglich die Knochendichte benötige knapp ein Jahr zur vollständigen Regeneration. Nach einem Flug zum Mars dürfte die Rehabilitationsphase vermutlich deutlich länger ausfallen, schätzt Hoyer. Mehr Forschung nötig Wie realistisch die Weltraumpläne von SpaceX und anderen Organisationen sind, hänge letztendlich von der Risikobereitschaft der einzelnen Akteure ab, erklärt Raumfahrtmediziner Jordan. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts habe vermutlich niemand ernsthaft daran geglaubt, dass eines Tages ein Mensch zum Mond fliegen würde. Dass die Mondlandung im Jahr 1969 erfolgreich war, sei auch eine Folge von glücklichen Umständen gewesen. Denn dieser Mission waren zahlreiche, oftmals tödliche Unfälle vorausgegangen, wie etwa bei Apollo 1, bei der die Raumfahrer durch technische Mängel in ihrer Kapsel verbrannten. Vor dem Hintergrund der technischen Möglichkeiten und zahlreicher ungeklärter medizinischer Herausforderungen halten es aber weder Jordan noch seine Kollegin Hoyer für realistisch, in naher Zukunft eine ethisch vertretbare Mission auf den Mars durchzuführen. „Als Wissenschaftler tragen wir die Verantwortung für das Leben unserer Astronauten und nach dem jetzigen Kenntnisstand wäre eine bemannte Mars-Mission mit zu großen Risiken verbunden“, betonen beide einmütig. Es brauche weitere Forschungsanstrengungen, um eine solche Mission für die Astronauten sicherer zu machen. Dabei könnten die Erkenntnisse, die daraus gewonnen würden, auch dem zivilen Sektor zugute kommen, betont Jordan. So könnten beispielsweise die Ergebnisse, die sich aus der Forschung zum Schutz vor kosmischer Strahlung ergäben, in der Onkologie genutzt werden. Strategien zur Reduzierung des Muskel- und Knochenabbaus könnten in die Prävention und Altersmedizin einfließen. Auch könne die telemedizinische Behandlung von Astronauten als Vorbild für die ärztliche Versorgung in unterversorgten Regionen dienen. Nicht zuletzt könne das Auskommen mit begrenzten Ressourcen im All helfen, Nachhaltigkeitskonzepte und Recyclingverfahren auf der Erde zu optimieren. Aufschluss darüber, wie Menschen langfristige Missionen in abgeschotteter lebensfeindlicher Umgebung verkraften können, gibt nicht nur der Aufenthalt auf der ISS. In der Antarktis haben Studienteilnehmer bereits 100 Tage isoliert und mit begrenztem Zugang zu Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung ausgeharrt. zur ISS beginnt der Ärztin zufolge bereits knapp zwei Jahre vorher: Im Rahmen einer Spiroergometrie wird untersucht, wie sich der Kreislauf und die Atemleistung des Astronauten unter körperlicher Belastung verhalten, um sicherzustellen, dass Herz, Lunge und Muskulatur optimal auf die extremen Bedingungen im All vorbereitet sind. Es wird die Knochendichte errechnet und in Zusammenarbeit mit Ernährungsspezialisten der individuelle Vitaminbedarf ermittelt. Insbesondere Vitamin B werde supplementiert, um mögliche Schäden an den Augen zu verhindern, die durch kosmische Strahlung hervorgerufen werden können, erklärt Hoyer. Anschließend durchlaufen die Astronauten ein Fitnessprogramm. Kardio- und Kraftübungen sollen dem Muskel- und Knochenabbau im All entgegenwirken. Auch auf der ISS selbst ist ein regelmäßiges Kraft- und Fitnesstraining unverzichtbar. Die Astronauten trainieren dort zum Beispiel bis zu zwei Stunden pro Tag auf dem Laufband oder einem Fahrradergometer. „Auch während eines Flugs zum Mars müssten die Astronauten trainieren“, betont Hoyer. Das Problem: Eine Raumkapsel zum Mars sei wesentlich kleiner als die ISS. Damit sei auch die Wahl der Sportgeräte deutlich eingeschränkt. Eine weitere Herausforderung stelle die Kalorienbilanz der Astronauten dar: Trainierten sie viel, müssten sie viel Nahrung zu sich nehmen, die ebenfalls auf begrenztem Raum untergebracht werden müsse. Auf der ISS stehe derzeit überwiegend gefriergetrocknete Kost auf dem Speiseplan, die mit Wasser aufgegossen wird. Frisches Obst oder Gemüse seien eine Seltenheit, auch wenn es theoretisch möglich sei, im All Gemüse zu ziehen. Das an Bord der ISS benötigte Wasser werde in einem komplexen Recycling-Prozess gewonnen, zum Teil aus dem Urin der Astronauten. Auch nach der Rückkehr zur Erde würden die Astronauten engmaschig überwacht, betont Hoyer. Grundsätzlich kämen sie weniger fit zurück, als sie gestartet seien. Zuerst müssten sie sich wieder an die Schwerkraft gewöhnen. Das Wasser versacke wieder in den Beinen. Sie hätten Kreislaufprobleme beim längeren Stehen, die ein bis zwei Tage anhalten würden. Aufgrund mangelnder Koordinationsfähigkeit dürften sie auch nicht selbst Auto fahren. Bei manchen Astronauten würden Spezial „Auf der ISS lassen sich medizinische Notfälle per Telemedizin betreuen oder im Ernstfall durch einen Rücktransport lösen. Auf dem Weg zum Mars ist das ausgeschlossen. Umso wichtiger ist daher eine sorgfältige medizinische Vorbereitung.“ Professorin Dr. Bimba Hoyer ESA Flight Surgeon Foto: ESA
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