Rheinisches Ärzteblatt 12/2025

Mein Beruf Rheinisches Ärzteblatt / Heft 12 / 2025 43 hatte und ein Zuviel einer StresshormonVorstufe (ACTH) produzierte und alle Symptome erklärte. Von da an konnten wir die Patientin sehr gut und letztlich erfolgreich behandeln. : Gibt es einen Fall, der Sie besonders berührt hat? Hommen: Es kommt häufiger vor, dass wir mit Krebserkrankungen, insbesondere Schilddrüsenkarzinomen konfrontiert werden, und wenn, dann sind diese meist behandelbar. Aber dieser Fall war anders. Der Patient – Anfang 50, verheiratet, Kinder, mitten im Leben stehend – stellte sich mit einer Schilddrüsenschwellung vor. Auch er war in einem anderen Haus vorbehandelt. Unsere Diagnose fiel dann leider sehr eindeutig aus: anaplastisches Schilddrüsenkarzinom. Es ist sehr selten und sehr aggressiv. In solchen Fällen muss man dann auch bei uns in der Ambulanz schlucken und durchatmen. Es ist nicht leicht, Patienten solche Nachrichten überbringen zu müssen. Natürlich haben wir versucht, Behandlungsmöglichkeiten zu finden, aber man kann da tatsächlich kaum etwas machen. Der Patient hat sehr schnell und massiv abgebaut und ist leider letztendlich verstorben. Dieses Schicksal beschäftigte mich nachhaltig. : Was sehen Sie kritisch an Ihren beruflichen Rahmenbedingungen? Hommen: Das ist ganz klar die Rationalisierung und Ökonomisierung der Medizin. Der Kostendruck auf Kliniken und Praxen ist wirklich enorm. Das war für mich schon in der Zeit meiner Weiterbildung deutlich spürbar. In und um Düsseldorf zum Beispiel hält die Uniklinik Düsseldorf das weitaus größte Weiterbildungsangebot vor. Niedergelassene Endokrinologen mit Weiterbildungsermächtigung finden sich in der Nähe kaum. Der Kostendruck wächst und es müssen immer mehr Patienten in der gleichen Zeit versorgt werden. Diese beiden Punkte sind ein zunehmendes Problem, gerade in der Weiterbildung. Wenn jetzt noch im Rahmen der Krankenhausreform Abteilungen und Betten reduziert werden, schwinden die Weiterbildungsplätze für den ärztlichen Nachwuchs weiter. Dazu kommen immer höhere Anforderungen an die Dokumentation. Das sind alles Stressfaktoren, die in unserem Fach, in dem man viel Zeit und einen freien Kopf für jede Patientin und jeden Patienten braucht, absolut ungünstig sind. Das Interview führte Vassiliki Temme Jann Achim Hommen, Endokrinologe „Der eigentliche Reiz des Faches ist die Zusammenarbeit“ Job, Beruf, Berufung? – An dieser Stelle berichten junge Ärztinnen und Ärzte über ihren Weg in den Beruf, darüber, was sie antreibt und warum sie – trotz mancher Widrigkeiten – gerne Ärztinnen und Ärzte sind. : Herr Hommen, was fasziniert Sie an der Endokrinologie? Hommen: Wir behandeln ein sehr breites Spektrum an Erkrankungen, davon sind die meisten häufige endokrinologische „Standarddiagnosen“, beispielsweise Schilddrüsen- oder Nebennierenerkrankungen. Die verbleibenden Fälle dagegen können sehr exotisch sein und genau darin liegt für mich die Faszination meines Faches. Wir sind in der Medizin oft ein bisschen etwas wie „die letzte Instanz“. Wenn Beschwerden unspezifisch weiter bestehen, wenn die Diagnostik nicht passt oder nicht eindeutig ist, werden die Patientinnen und Patienten oft an uns überwiesen. Oftmals müssen wir dann den kompletten Menschen auf den Kopf stellen, um eine Lösung zu finden. : Was ist aus ärztlicher Sicht das Herausfordernde an Ihrem Fach? Hommen: Die Herausforderung liegt darin, aus dem Wirrwarr an Befunden, Laborwerten und der Anamnese eine Diagnose zu formen. Das sind eben diese wenigen Fälle, die oft an Dr. House erinnern. Es geht in der Speziellen Endokrinologie nicht unbedingt um lebensgefährliche Erkrankungen, aber auch die gibt es natürlich in diesem Fachbereich, wie starke Überproduktion oder fehlende Hormonproduktionen, zum Beispiel eine Schilddrüsenhormonvergiftung oder ein Stresshormonmangel. Alles in allem ist es ein sehr komplexes Fach, das in ganz besonderer Weise davon lebt, mit den anderen Fächern zu kommunizieren. Ich bin auf den intra- und interfakultativen Austausch mit meinen Kolleginnen und Kollegen angewiesen und das mag ich sehr. Der eigentliche Reiz des Faches ist die Zusammenarbeit. Oftmals bringt uns genau dieser Austausch zur richtigen Diagnose. : Welcher Fall war bislang Ihr exotischster? Hommen: Das war eine Patientin, die vordiagnostiziert und in Hamburg vorope- Foto: ©Universitätsklinikum Düsseldorf Jann Achim Hommen. Nach dem Studium in Florenz und Marburg folgte das PJ in Zürich und Fulda. Von der Inneren Medizin im St. Vinzenz-Krankenhaus in Düsseldorf zog es Hommen dann zur Klinik für Endokrinologie/Diabetologie an der Uniklinik Düsseldorf. Seit 2023 ist er im Funktionsbereich Spezielle Endokrinologie tätig. riert zu uns kam. Die Beschwerden waren trotz der OP an der Hirnanhangsdrüse immer noch vorhanden, es folgte hier an der Uniklinik weitere Diagnostik. Die Befunde waren auch bei uns weiter nicht eindeutig und dann haben wir mithilfe der Nuklearmediziner den Übeltäter gefunden: einen kleinen Tumor hinter der Lunge, der dort über zwei Jahre lang unbemerkt geschlafen „Manchmal müssen wir den kompletten Menschen auf den Kopf stellen.“

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