CORTISSIMO 10

Print berührt uns Printprodukte machen es uns in dieser Hinsicht besonders einfach. Als greifbare Medien sprechen sie alle unsere Sinne an: Sie haben — ganz unabhängig von ihrem kulturellen und symbolischen Wert — einen eigenen Geruch, einen eigenen Sound (vgl. die „Geschichte des Papiergelds“ auf S. 25), sogar einen eigenen Geschmack — und vor allem taktil erfahrbare Eigenschaften wie Gewicht, Textur und Elastizität. Diese Eigenschaften spielen eine tragende Rolle bei der Vermittlung der Botschaften, mit denen das Papier bedruckt wurde. Gute Designer denken diese bei der Konzeption von Druck- medien mit, und gute Druckereien bieten ihren Kunden Möglich- keiten, mit diesen Eigenschaften zum Nutzen der Produktbotschaft zu spielen: zum Beispiel durch die Verwendung unterschiedlicher Papiere, durch Perforationen, Prägungen oder andere, stimmig eingesetzte Druckveredelungen. So wurde der Umschlag der Cortissimo 10 mit zwei unterschied- lichen Lacken partiell veredelt: Strukturlack mit sandig-rauer und UV-Spot-Glanzlack mit glänzender Oberfläche, die die Haptik des Titelmotivs spürbar nachahmen. Doch noch viel plakativere Ver- edelungen sind möglich: Glitterlack mit metallisch glitzernden Metallpartikeln, Beflockung mit textil anmutender, samtartiger Oberfläche, sogar Duftlacke, deren Wirkung sich durch Reiben entfaltet. Und auch, wie auf dem Umschlag der Cortissimo 9 einge- setzt, Nachtleuchtfarbe, die das Licht speichert und es im Dunkeln wieder abgibt. Wir spüren, was wir sehen Doch das Spiel mit der Haptik von Printprodukten erschöpft sich keineswegs in der passenden Wahl von Papier und Veredelung. Wie raffiniert man auch in der zweidimensionalen Fläche eines Print- produkts die haptischen Eigenschaften von Objekten wachru- fen kann, zeigt der weltbekannte deutsche Grafiker Christoph Niemann: Seine 861.000 Instagram-Follower sind begeistert von Niemanns humorvollen Arbeiten, in denen er gekonnt und pointiert Zeichnung und Objekte zu kleinen Bildgeschichten kombiniert: Ein aufgeklebtes Post-it wird durch das Hinzufügen einer Zeichnung zum Fußabtreter, unter den der Dreck gekehrt wird; eine Manda- rine wird zum Bauch eines vollgefutterten Mannes, der Borsten­ fächer eines hart aufs Papier gedrückten Pinsels zum Kleid. Als Be- trachter spürt man die Haptik der Alltagsobjekte und wird von der erzählerischen Kraft der mehrdimensionalen Bildgeschichten un- mittelbar in den Bann gezogen. Ähnliches schafft auch die Berliner Designerin Sarah Illenberger: Sie formt zum Beispiel einen Apfel aus Haaren und verwirrt unsere Sinne mit der Irritation, die die Verän- derung der vertrauten Oberfläche in uns auslöst. Solche positiven Erfahrungen spielerischer Irritation sind natür- lich nicht allein der Kunst vorbehalten — und wie man an der grafischen Gestaltung dieser Seiten erkennt, nicht einmal dem „richtigen Anfassen“. Denn müssen wir berühren, um berührt zu werden? Keineswegs: Auf YouTube erzielen sogenannte ASMR- Videos Klickrekorde. Kurze Filme, in denen Menschen mit ruhiger Stimme sprechen oder sanft flüstern und die bei einer Vielzahl von Betrachtern einen „autonomous sensory meridian response“ aus- löst: minutenlange wohlige Schauer, ein Kribbeln auf der Haut. Kann ein gedrucktes Kundenmagazin dasselbe leisten? Vermut- lich löst es keine Gänsehaut aus (es sei denn, es ist fürchterlich gestaltet — auch das kommt vor), aber es wirkt in jedem Fall mehr- dimensionaler und nachhaltiger auf uns als eine Webseite auf dem Handy oder ein PDF auf dem Desktop-Monitor. Das liegt nicht an der mangelnden Qualität der Webseite oder des PDFs, sondern ganz einfach daran, dass wir als Menschen dazu gemacht sind, die Welt mit allen Sinnen zu begreifen — und an den spürbaren Qualitäten von Print. 10 CORTISSIMO 10

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