CORTISSIMO 10
Bewusst erleben, bewusster leben Die gelb gerahmten Touchpoints entlang der Elbe sind aber nicht das einzige Mittel, das die 23-Jährige für ihre „Urban Interven tion“ konzipiert hat: Ein Faltposter gibt Tipps und Hintergrund informationen zu den Orten der Touchpoints-Route, und ein eigens gestaltetes Armband erinnert den Träger daran, in alltäglichen Situationen an seinen haptischen Sinn und die in ihm angelegten Möglichkeiten zu denken. Hin und wieder trägt Chiara Kleinke das Armband noch. „Wenn ich dann beiläufig auf mein Handgelenk schaue, fühle ich auto- matisch bewusster, was ich in dem Moment berühre.“ Heute, nur wenige Monate nach dem Abschluss ihres Studiums, arbeitet die 23-Jährige als Junior Art Director in einer Hamburger Agentur. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt im Bereich Editorial Design. Hat sie Empfehlungen für den gelungenen Einsatz haptisch besonderer Printmedien? Eine Patentlösung gibt es nicht: „Papier mit niedriger Grammatur kannqualitativhochwertigwirken, wennes gezielt einge- setzt wird. Umgekehrt kanngriffiges oder dickeres Papier imfalschen Kontext Verwirrung schaffen oder sogar als störendwahrgenommen werden. Daher gilt es immer, seine Botschaft und sein Design- konzept zu Beginn multisensuell abzustecken, sodass am Ende die Optik und die Haptik Hand in Hand gehen.“ Es ist wichtig, dass Designer sich stärker für die haptische Wirkung von Materialien interessieren und sich diesbezüglich sensibilisieren — gerade, weil fast alles am Monitor gestaltet wird. Im Bann von Smartphone und Monitor Zahlen zur Kehrseite des digitalen Fortschritts sprechen eine klare Sprache: 91 Prozent der Menschen haben ihr Handy immer in greif- barer Nähe. Durchschnittlich 88 Mal am Tag schaut jeder von uns auf sein Smartphone. Beim Live-Konzert wie beim Sonnenunter gang wird es instinktiv in die Hand genommen und die Kamera aktiviert. Schlaf- und Konzentrationsprobleme sind nur einige der negativen Folgeerscheinungen übermäßiger Smartphone-Nutzung. Das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn man es aus der Hand legt oder zu Hause vergessen hat, kennen viele. Dabei ist alles, was wir haptisch mit dem glatten Gerät anstellen: streichen und tippen. Nicht sehr „reizvoll“. Kurzum: Unsere Sinneswelt verarmt, Augen und Ohren sind zu Ungunsten der anderen Sinnesorgane überlastet. „Reduziert man das Erleben auf den optischen Sinn, beschränkt man den Menschen in seinen Erlebnismöglichkeiten“, weiß Chiara Kleinke. Mit der Kon- zeption und Umsetzung ihrer Touchpoint-Route möchte sie diese Beschränkung aufheben: „Das bewusste Erleben durch die Hände soll den Tunnelblick durchbrechen und Raum für bewusste Erfah- rungen schaffen.“ 14 CORTISSIMO 10
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