CORTISSIMO 10
Die Welt mit anderen Sinnen erleben Die Besucher — über 100.000 waren es im Jahr 2018 — beschreiben die Erfahrung, ihre gewohnte Welt durch die Konzentration aufs Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken neu zu entdecken, durch- weg als bereichernd. Maßgeblich verantwortlich dafür sind die blin- den oder sehbehinderten Guides: Sie führen ihre Gäste freundlich, kommunikativ und sicher durch die Dunkelheit, informieren sie zu allen Aspekten eines Lebens ohne Augenlicht und beantworten am Schluss der Tour offene Fragen. Mehr als die Hälfte aller Besucher sind Schülerinnen und Schüler auf Klassenausflug; sie hören den persönlichen Lebensgeschichten ihrer Guides interessiert zu. Von denen arbeiten viele nur im Nebenjob im Dialoghaus. Dass sie ganz normale Hauptjobs haben und trotz ihrer Blindheit gerne tanzen gehen oder auf Musikkonzerten in der ersten Reihe mitmischen, überrascht viele. In pädagogischen Workshops werden die Erfah- rungen, die die Schüler gemacht haben, aufgearbeitet und mit wei- teren Informationen vertieft. „Neben den Schulklassen besuchen uns viele Hamburger, die am Wochenende was erleben wollen, Familien, deren Kinder schon mal bei uns waren, und natürlich die zahlreichen Hamburg-Touristen“, erklärt Anne-Katrin Schmidt, die im Dialoghaus Hamburg den Bereich Sales und Events leitet. In dem Gebäude Ecke Poggenmühle und Alter Wandrahm, das seit 2016 als „Dialoghaus Hamburg gGmbH“ firmiert, führen blinde und sehbehinderte Menschen kleine Gruppen mit maximal acht Perso- nen durch einen lichtlosen Ausstellungsparcours. Ausgestattet mit als „Blindenstock“ bekannten Langstöcken (und ohne lichterzeu- gende Gegenstände wie Handys oder Uhren), erleben die Besuche- rinnen und Besucher Alltagssituationen, ohne sich auf ihre Augen verlassen zu können: An einem Marktstand mit Obst und Gemüse nehmen sie die Waren in die Hand: Wie schwierig es plötzlich ist, einen Apfel von einer Birne zu unterscheiden! Sie spüren die Ver- unsicherung, eine vielbefahrene Straßenkreuzung zu überqueren, wenn man sich nur auf sein Gehör und seinen Tastsinn verlassen kann. Wo ist die Ampel? Was hört man, wenn sie grün wird? Beim Besuch eines Parks lernen sie, verstärkt auf Bodenuntergründe, Ge- räusche und die Gerüche der Pflanzen zu achten. Und am Ende der Tour, nachdem sie sogar eine Bootsfahrt in völliger Dunkelheit erlebt haben, meistern die Besucher in der Dunkelbar die Heraus- forderung, ein Getränk zu bestellen, ohne vorher die Karte lesen zu können, Geldscheine und Münzen anhand von Größe und Ge- wicht zu bestimmen — und am Geruch des Getränkes zu erkennen, ob es wirklich das ist, was sie bestellt hatten. Anne-Katrin Schmidt leitet seit 2015 den Bereich Event und Sales im Dialoghaus Hamburg. Erlebnisausstellung mitten im UNESCO Weltkulturerbe 27 CORTISSIMO 10
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