CORTISSIMO 10
Soziale Nachhaltigkeit ohne erhobenen Zeigefinger Ein wichtiges Ziel der Ausstellung ist ein vorurteilsfreier Umgang miteinander: Empathie und Verständnis — nicht jedoch Mitleid — für die Weltwahrnehmung und die speziellen Herausforderungen zu entwickeln, denen Blinde ausgesetzt sind. Durch die Umkehrung gewohnter Rollen — Blinde werden zu Führenden, Sehende zu Geführten — gelingt es, die eigene Perspektive zu verändern und eine als Schwäche wahrgenommene Behinderung „mit anderen Augen zu sehen“. Das lässt kaum jemanden unbeteiligt: Das Lob auf Google und Yelp ist groß, 86 Prozent der knapp 600 Bewertungen auf TripAdvisor tragen die Bestnote. „Berührend“ und „faszinierend“ sei das Erleb- nis, „unvergesslich“, die Guides „freundlich, humorvoll und locker“ und das Ganze „ein großer Spaß“. Das Konzept des erlebnisbasier- ten Lernens scheint hervorragend aufzugehen. Aber gibt es auch Besucher, die gegen die Erfahrung immun sind? „Im Gegenteil: Die meisten sind von der Ausstellung nachhaltig beeindruckt und ver- ändert“, freut sich Anne-Katrin Schmidt. „Um im Vorfeld Sorgen zu nehmen, bereiten unsere Guides die Gruppen vor dem Eintritt in die Dunkelheit vor: mit einer informativen Begrüßungsrunde zu Beginn, einer Erklärung, wie der Blindenstock funktioniert und vielemmehr. Jeder Besucher weiß, dass er nicht allein ist und die Dunkelheit jederzeit verlassen kann, falls ihn die Erfahrung dennoch überfor- dern sollte.“ Aktiver Beitrag zu einer inklusiven Gesellschaft Wie behalten die Guides den Überblick über die Gruppe? Wird in jedem Raum einmal laut durchgezählt? Anne-Katrin Schmidt: „Unsere Guides sind kognitiv unglaublich gut unterwegs — sie können nach der Begrüßung eine Stimme sofort einem Namen und einer Person zuordnen und bemerken, wenn jemand ruhiger ist oder nichts sagt. Das hat mich schon bei meiner ersten eigenen Führung vor ein paar Jahren beeindruckt: Da hat unser Guide Ringo sofort bemerkt, dass ich etwas abseits der Gruppe stand, und sagte: ‚Anne, komm ein bisschen näher ran, nicht, dass wir dich verlieren.‘“ Rund 60 Prozent der knapp 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbei- ter des Dialoghauses Hamburg sind körperlich beeinträchtigt, das heißt hier vor allem: sehbehindert — oder gehörlos: denn neben dem „Dialog im Dunkeln“ werden zwei weitere Erlebnisausstellun- gen angeboten. Der „Dialog im Stillen“ lässt Besucher die Welt aus der Sicht von Gehörlosen nachempfinden, und beim 2018 eröff- neten „Dialog mit der Zeit“ erfahren sie unter der Leitung „betag- ter“ Guides, wie es sich anfühlt, alt zu sein. Mit ihrer Arbeit leisten alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Dialoghauses Hamburg, ob mit oder ohne Behinderung, einen aktiven Beitrag zu einer inklusi- ven Gesellschaft. Was liegt auf meinem Teller? Die Aktivierung der Sinne wird mit dem „Dinner in the Dark“, welches das Dialoghaus in zwei Varianten freitags und samstags anbietet, auf eine weitere Stufe gehoben. Sogenannte Dunkelrestaurants gibt es mittlerweile in vielen größeren Städten, das Dinner in the Dark im Dialoghaus Hamburg war eines der ersten. Anne-Katrin Schmidt ver- antwortet auch hier die Organisation. „Damit alle Gäste betreut „Neben den Schulklassen besuchen uns viele Hamburger, die am Wochen- ende was erleben wollen.“ Anne-Katrin Schmidt Licht aus, Empathie an: Besucher mit Blindenstöcken auf dem Weg in die Dunkelheit 28 CORTISSIMO 10
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