KNOW!S 01-2019

Auf der Tonspur „Video killed the radio star” hieß es Ende der 1970er. Der Song der Buggles stand für den Aufstieg des Musikfern- sehens. Heute wissen wir: Wenn jemand gestorben ist, dann das Musikfernsehen. Dem Radio hingegen geht es prächtig. Nicht nur sind die Hörerzahlen der traditionellen Radiosender seit Jahren stabil, das Medium hat sich auch neu erfunden — mithilfe des Internets. Geräte wie der iPod, das Breitbandinternet und RSS- Feeds legten in den frühen 2000ern den technologischen Grundstein für das, was heute „podcasting“ heißt: Menschen erzählen Geschichten oder unterhalten sich, nehmen sich dabei auf und stellen das Ergebnis in Form von Episoden ins Netz. Hörer können die Audioinhalte mithilfe von Apps abonnieren und werden automatisch über neue Folgen informiert. Das Format boomt. Nicht nur klassische Radios produ- zieren Podcasts. Auch Verlage und Macher ohne Audio- und Medienerfahrung greifen zum Mikrofon. Und manche erreichen damit Millionen von Hörern. „Podcasts sprechen die zwei Obsessionen der Moderne an: konstante Unterhaltung und konstante Flucht“, so jüngst ein Artikel im New York Magazine . Soll heißen: Podcasts finden Platz in Alltagssituationen, in denen die Langeweile regiert — beim Autofahren zum Beispiel oder beim Bügeln. Denn wer Podcasts hört, wird unterhalten und hat dabei die Hände frei. Aber auch die Augen: Hörer entkommen damit den allgegenwärtigen Bildschirmen. Kurzsichtige Augen und Gedanken können in die Ferne schweifen. Kann das nicht auch Radio? Ja, aber Podcasts nehmen sich Zeit. Viel Zeit. Episoden sind mal 15 Minuten, mal mehrere Stunden lang. Podcasts sind persönlicher, wid- men sich Nischenthemen und erzeugen Intimität wie kein anderes Format. Fragt man Fans, hört man nicht selten: Wenn ich Podcasts höre, fühle ich mich weniger allein. Die besten werden nach wie vor in den USA produziert. Netzwerke und Studios wie Radiotopia, Luminary und Serial Productions versammeln die Crème de la Crème der Der Spiegel tut es. Die FAZ auch. Und Jan Böhmermann sowieso. Die Podcast-Welle hat Deutschlands Medien- branche erreicht. Wieso sind Audioformate so erfolgreich? Und welche deutschen Podcasts lohnen sich? Podcast-Welt. Produktionen wie „S-Town“, „Serial“ und „This American Life“ wurden im ganzen Land zu Gesprächs- themen und fanden Fans weltweit. In Sachen Suchtfaktor stehen sie TV-Serien wie „Game of Thrones“ in nichts nach. Was genau einen guten Podcast ausmacht, ist schwer zu sagen. In manchen Fällen handelt es sich um erstaunlich ehrliche Interviews mit Experten, Künstlern oder anderen Personen des öffentlichen Lebens. Andere Podcasts sind liebevolle Audioreportagen, nah an der Klangkunst. Wieder andere sind perfekt umgesetzte, absurde Ideen wie „Everything is Alive“. Für den Radiotopia-Podcast werden Gegenstände interviewt, von der Coladose bis zur Straßenlampe. Weil das Format dank Audiowerbung auch wirtschaftlich erfolgreich ist, wächst die Branche schnell. Erfahrene Podcaster gründen Produktionsstudios. Risikokapitalgeber investieren Millionen. Die ersten Beobachter des ameri- kanischen Markts sprechen von einer Blase. Aus der Lei- denschaft einiger weniger ist eine Industrie geworden. Im Februar 2019 kaufte Spotify die Podcast-Produktionsfirma Gimlet für 230 Millionen US-Dollar. Auch in Deutschland sprießen Podcasts mittlerweile wie Pilze aus dem Boden. Es gibt zahlreiche nachrichtliche Podcasts von erfahrenen Medienmachern wie „Lage der Nation“, „Eine Stunde History“ und „Mono“ — und Blödel- Podcasts, in denen viel geredet und manchmal auch unter- halten wird. An die amerikanischen Produktionen reichen die deutschen jedoch bisher nicht heran. „Noch hat kein Werbekunde den Mut, solch aufwendige Formate zu präsentieren“, sagt Christian Bollert, Chef des Internetradios Detektor.fm. „Die etwas aufwendigeren Produktionen kommen noch von den öffentlich-rechtlichen Sendern und Streamingdiensten wie Spotify und Deezer.“ Bollert und seine Kollegen konzentrieren sich deswegen bisher auf journalistische Podcasts. „Aber wir bekommen mittlerweile jede Woche eine spannende Anfrage ins Haus. Das Ding geht gerade erst los in Deutschland.“ TEXT: MARTEN HAHN 14

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