KNOW!S 01-2019

Neue Skyline Shanghai Slum Nairobi, zerteilt durch neue Schnellstraße Videoüberwachung Moskau In Europa denken wir bei Wandel ja vor allem an Digitalisie- rung, demografischen Wandel und Klimawandel. Welchen Trends sind Sie auf Ihren Reisen begegnet? Zunächst den Folgen der Digitalisierung. Am meisten beschäftigt haben mich die Veränderungen in der Lebensführung des Einzel- nen: Wie trifft der zunehmend gläserne Mensch Entscheidungen, woher bezieht er sein Wissen dafür und welcher Algorithmus nimmt ihm künftig welche Entscheidung ab? Dahinter stehen aber größere Themen, die das Zusammenleben der jeweiligen Gesellschaft verändern. Etwa sich verdichtende Informationsblasen der zunehmend unter Gleichgesinnten kommunizierenden Nutzer, aber auch eine politische Polarisierung mit neuen Anführertypen und mehr offen ausgetragenem Streit. Dieser zeigt sich bei- spielsweise in den USA besonders durch Hate Speech und Fake News in den sozialen Medien. In Indien kommen immer häufiger Lynchmobs vor, oft ausgelöst durch frei erfundene Gerüchte, die per WhatsApp verbreitet werden. Ich habe Angehörige von Minderheiten getroffen, die Angst um ihr Leben hatten — oft auch wegen ihres Glaubens. Andererseits habe ich viele Menschen erlebt, deren wachsender Glaube wie eine enorme Energiequelle für ihr Handeln wirkte — ganz anders als bei uns in Europa. Und dann ist da noch die Generation der 20-Jährigen. Die sogenannten Millennials werden von Älteren häufig als oberflächlich und ohne Ausdauer skizziert, auch ich hatte diese Generation unterschätzt. Sie sind aber aktiver und reflektierter als viele denken. Das macht Mut! Gehen die Menschen, denen Sie begegnet sind, anders mit Veränderung um als wir in Deutschland? Definitiv ja, und das hat mir nach meiner Rückkehr sehr zu denken gegeben. Deutschland und Japan sind die Musterbeispiele für jahrzehntelanges hohes Niveau von Wirtschaftskraft und Wohl- stand, das irgendwann in Richtung Stagnation zu steuern begann. Verlangsamung beginnt in den Köpfen — durch Selbstzufriedenheit und weniger Hunger nach Weiterentwicklung. Eine andere Men- talität herrscht in Ländern wie Südkorea und erst recht in China, wo Technologieunternehmen derzeit zum Überholen mancher bisher führender Konkurrenz aus den USA und Europa ansetzen. In Ländern mit größeren Problemen wie Gewalt oder gar weit verbrei- teter Armut jammern die Menschen weniger als hier. Stattdessen erlebte ich immer wieder eine Mentalität nach dem Motto „Ich habe keine Chance, aber ich nutze sie“: Eine Frau im Libanon, der eine Autobombe den halben Körper weggesprengt hat, will sich nun erst recht politisch engagieren, Slumbewohner in Kenia betreiben inmitten von Fäkalwasser und Krankheiten eine Jugendbibliothek. Treffen Transformationsprozesse alle gleich stark oder sind man- che Bevölkerungsgruppen Veränderungen stärker ausgesetzt? Derzeit wird viel über Berufsgruppen gesprochen, in denen Stel- len durch künstliche Intelligenz ersetzt werden, von Bankangestell- ten bis zu Zahntechnikern. Dennoch ist mir das Wort „ausgesetzt“ zu passiv und negativ. Aufsteiger in die neuen Mittelschichten vieler Länder haben Chancen und Zugänge, die ihren Vorfahren verwehrt blieben. Das sind Hunderte Millionen Menschen! Was mich umso mehr überrascht hat: Vielfach bremst ein wenig Erfolg samt Konsumzugang sehr schnell jeden Veränderungswillen. Etwa 24 Fotos: Georg Milde

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