Rheinisches Ärzteblatt 05/2026

Rheinisches Ärzteblatt / Heft 5 / 2026 21 Praxis Vorstand und Delegierte der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNO) bezogen klar Position: gegen kurzsichtige Sparpolitik, für starke Praxen und eine effiziente Steuerung der Patientenversorgung. von Thomas Lillig und Christopher Schneider Die Praxen in Nordrhein behandeln jeden Tag hunderttausende Patientinnen und Patienten – kompetent, engagiert und verlässlich. Seit Jahren stemmt der ambulante Bereich den Großteil der Gesundheitsversorgung – mit dem kleinsten Teil der Ausgaben. „Und dennoch vergeht derzeit kaum ein Tag ohne neue Sparvorschläge“, kritisierte Dr. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein, bei der Vertreterversammlung (VV) am 27. März 2026 im Düsseldorfer Haus der Ärzteschaft. Jüngstes Beispiel: der Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses (EBA), die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen zum 1. April 2026 um 4,5 Prozent abzusenken. Für die Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten im Rheinland bedeutet das unterm Strich 4,5 Millionen Euro weniger – obwohl psychische Erkrankungen seit Jahren zunehmen und der Behandlungsbedarf wächst. „Der vermeintliche Sparerfolg kann wie ein Bumerang zurückkommen und Gesellschaft und Staat am Ende ein Vielfaches kosten“, warnte Bergmann. Die VV reagierte einstimmig: Sie forderte die Rücknahme des EBA-Beschlusses und unterstützte die Klage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung vor dem Sozialgericht. Die Zahlen, die Bergmann der VV vorlegte, sprechen eine deutliche Sprache. Allein im fachärztlichen Bereich klafft in Nordrhein seit Jahren eine strukturelle Finanzierungslücke – derzeit rund 120 Millionen Euro pro Quartal. Gut ein Viertel aller fachärztlichen Termine bleiben unbezahlt. Das bedeutet: 2,5 Millionen notwendige Behandlungsfälle je Quartal, für die Fachärztinnen und Fachärzte keinen Euro erhalten. „Das System lebt davon, dass Praxen Leistungen erbringen, die niemand bezahlt“, sagte Bergmann unter dem Beifall der Delegierten. Auf lange Sicht könne das nur auf eine Weise funktionieren: mit weniger Leistung – zulasten der Versicherten. Auch Forderungen, bewährte Instrumente und Regelungen des Terminservice- und Versorgungsgesetzes – wie etwa den Hausarztvermittlungsfall – wieder abzuschaffen, erteilte Bergmann eine Absage: „Sie stärken den Praxisalltag, bringen Erkrankte schneller in die richtige Versorgung und entlasten Abläufe.“ Wer diese Mechanismen abschaffe, spare an der falschen Stelle und schwäche das System. Die Antwort darauf, wie Versorgung künftig effizienter gestaltet werden kann, liegt für den KVNO-Vorstand in einer neuen Steuerungslogik. Einstimmig nahm die VV einen Antrag des Vorstands an, der eine differenzierte Weiterentwicklung der Steuerung der ambulanten Versorgung zum Ziel hat. Vier Ebenen – eine Logik Bergmanns Kernbotschaft: Eine pauschale, rein hausärztliche Steuerung über alle Patientengruppen funktioniert nicht. Stattdessen brauche das System: erstens eine differenzierte Steuerung auf vier Ebenen – für Patientinnen und Patienten, die bereits einen Hausarzt haben, für Menschen ohne festen Hausarzt, für chronisch Erkrankte in einer Tandemstruktur zwischen Haus- und Facharzt sowie für Personen ohne tatsächlichen Behandlungsbedarf. Zweitens müsse die Patientenhotline 116 117 zur zentralen Steuerungsplattform mit digitalen und analogen Zugängen und einer smarten Ersteinschätzung über SmED ausgebaut werden. Drittens sei die strukturelle Stärkung der fachärztlichen Versorgung als der Ort, wohin gesteuert werden soll, unerlässlich. Zwingend notwendig seien dabei die bessere Finanzierung der fachärztlichen Weiterbildung und die Entbudgetierung auch der Fachärztinnen und Fachärzte. Und: Die Steuerung Erkrankter ist und bleibt originär ärztliche Aufgabe. Der vierte Schlüssel liege in der stärkeren Delegation ärztlicher Aufgaben und im Aufbau von Teampraxisstrukturen. Dazu müssten aber zunächst die gesetzlichen, abrechnungstechnischen und berufsrechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Mit ihren Projekten und Initiativen ist die KV Nordrhein proaktiv bereits seit vielen Jahren dabei, die Voraussetzungen für eine bessere Versorgung zu schaffen. KVNO-Vorstandsvize Dr. Carsten König nannte zum Beispiel das Modellprojekt mit Physician Assistants. Zur Stärkung explizit der fachärztlichen Versorgung hat die KV Nordrhein gerade das bundesweit erste Kompetenzzentrum für die ambulante gebietsfachärztliche Weiterbildung gestartet – mit wissenschaftlicher Leitung, Tutorenausbildung und klaren Qualitätsstandards. Zudem eröffnet die KV Nordrhein in der Praxis4future in Köln einen interaktiven KI-Showroom, in dem Praxisteams digitale Anwendungen direkt ausprobieren können. „Wir haben ein strategisches Konzept entwickelt, wie wir unsere Mitglieder auf dem Weg zur Digitalisierung bestmöglich unterstützen können“, sagte König. Dazu gehöre, Innovationen erlebbar und nutzbar zu machen. Aber auch die Vernetzung von Praxen, um gemeinsam digitale Lösungen in der Praxis zu testen, sowie Wissensvermittlung und Trainingsangebote zählten dazu. Die Botschaft, die von der VV ausging, ist klar: Die KV Nordrhein übernimmt Verantwortung für eine stabile, leistungsfähige Gesundheitsversorgung im Rheinland. Christopher Schneider ist stellvertretender Pressesprecher und Thomas Lillig Redakteur bei der KV Nordrhein. Vertreterversammlung: Steuern statt sparen „Die ambulante Versorgung ist nicht das Problem, sondern die Lösung“, sagt KVNO-Chef Dr. Frank Bergmann. Foto: KV Nordrhein/Anne Orthen

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