Rheinisches Ärzteblatt 05/2026

22 Rheinisches Ärzteblatt / Heft 5 / 2026 Forum Ihr Leben ist zu Ende, bevor es begonnen hat: Sternenkinder. Etwa jede zehnte Schwangerschaft endet in Deutschland mit einer Fehl- oder Totgeburt. Schätzungsweise eine Million Menschen erleben jedes Jahr den Verlust eines Kindes als Eltern, Großeltern oder Geschwister, im Freundes- oder Bekanntenkreis. Dennoch war und ist der Schwangerschaftsverlust ein gesellschaftliches Tabu. Die gesundheitlichen Folgen für Eltern und Angehörige sind nur wenig bekannt. Ein Leitfaden soll den Betroffenen nun die Hilfe bringen, die sie brauchen. von Jocelyne Naujoks „Die Diagnose Schwangerschaftsverlust verursacht bei den meisten Eltern ein Gefühl der Ohnmacht“, sagt Dr. Dipl. oec. Marcus Redaèlli, Arzt und Gesundheitsökonom am Institut für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie in Köln. „Wir müssen ihnen in dieser Situation die Möglichkeit geben, für sich zu entscheiden, wie sie mit der Diagnose umgehen möchten.“ Es stelle sich zum Beispiel die Frage, ob die Mutter das tote Kind per Kaiserschnitt oder auf „normalem“ Wege im Rahmen einer stillen Geburt entbinden möchte oder wie danach die Bestattung aussehen solle. „Doch um solche Entscheidungen treffen zu können, müssen die Betroffenen erst einmal wissen, welche Möglichkeiten sie überhaupt haben – und daran scheitert es oft“, erklärt Redaèlli. Zwar gebe es durchaus eine Vielzahl von Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen oder Best-Practice Modelle an Krankenhäusern, sagt Dr. Daniela Reitz, Chefärztin der Frauenklinik am Elisabeth-Krankenhaus in Essen. Doch die Versorgungslandschaft sei landesweit heterogen. „Wir brauchen stattdessen eine flächendeckende, gut strukturierte und nahtlose Betreuung von Familien mit Sternenkindern“, fordert Reitz. Gut funktionierende Netzwerke und Standards in der Versorgung der Familien würden nicht nur den Betroffenen helfen, sondern auch den behandelnden Ärztinnen und Ärzten, weiß Reitz, die das Projekt Sternenkinder leitet, das vom Kölner Institut für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie sowie dem Institut für Hebammenwissenschaften begleitet wird. Frauenärzte haben eine Schlüsselposition Seit August 2025 arbeitet das Projektteam daran, einen Leitfaden für die beteiligten Berufsgruppen und Einrichtungen zu entwickeln. Er soll Ärztinnen und Ärzte, aber auch andere an der Betreuung der Familien Beteiligte dabei unterstützen, Familien nach einem Schwangerschaftsverlust zu begleiten. Der nordrhein-westfälische Landtag hatte im September 2024 beschlossen, das Thema stärker in den Fokus zu rücken und die Landesregierung aufgefordert, eine entsprechende Orientierungshilfe zu entwickeln. Gerade Frauenärztinnen und Frauenärzte in Praxis und Klinik spielten beim Thema Schwangerschaftsverlust eine zentrale Rolle bei der Betreuung der betroffenen Familien, so Reitz. „Sie kennen Mutter und Vater, gegebenenfalls auch Geschwisterkinder, und nehmen damit eine Schlüsselposition in der weiteren Begleitung der Familien nach der Diagnose ein“, erklärt Reitz. Auch für die weitere Familienplanung seien Gynäkologen meist die ersten Ansprechpartner. Sternenkinder: der stille Tod Diagnose Schwangerschaftsverlust: Für den Leifaden hat das Projektteam den offenen Austausch mit betroffenen Familien, Ärztinnen und Ärzten und Hebammen sowie Pflegefachkräften, Psychotherapeuten, Seelsorgern, Trauerbegleitern und Sozialarbeitern gesucht, um den Leitfaden nah an den Bedürfnissen der Beteiligten zu orientieren. Foto: Carolin Schüten/ BIÖG/HN

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