Rheinisches Ärzteblatt / Heft 6 / 2026 17 Spezial sich nicht gesehen fühlen“, erklärt die Entwicklungspsychologin. Im Gegensatz zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen setze ein Großteil der Grundschulkinder Einsamkeit dabei mit Alleinsein gleich. Dahinter stehe das belastende Gefühl, dass die tatsächlichen Beziehungen nicht zu dem passen, was ein Kind an Nähe, Zugehörigkeit und Verlässlichkeit brauche. Strategien gegen Einsamkeit Wer sich in der Klasse als Außenseiter erlebe oder wenig verlässliche Bindungen habe, habe auch ein deutlich höheres Einsamkeitsrisiko, so Bücker. Auch Kinder, die in sozialen Situationen unsicher oder ängstlich seien oder ein geringes Selbstwertgefühl haben, seien anfälliger für Einsamkeitserfahrungen. Hier seien vor allem Bindungserfahrungen in der frühen Kindheit ausschlaggebend, so die Expertin. Wer in der Kindheit verlässliche, feinfühlige und emotional verfügbare Bezugspersonen erlebe, entwickele meist mehr Vertrauen in sich selbst und andere Menschen. Fehlten diese oder seien sie durch anhaltenden Stress belastet, erhöhe sich das Einsamkeitsrisiko. Gleiches gelte für sozioökonomisch benachteiligte Kinder: „Kinderarmut geht oft mit erhöhtem familiären Stress, eingeschränkten Teilhabemöglichkeiten oder Erfahrungen von Ausgrenzung einher und kann dadurch Einsamkeitsrisiken erhöhen.“ Gleichzeitig, betont die Psychologin, seien Lebenswege nie festgeschrieben: „Viele Kinder entwickeln trotz belastender Bedingungen soziale Stärke und stabile Beziehungen – besonders dann, wenn sie im Laufe der Zeit unterstützende Erwachsene, gute Freundschaften und positive Erfahrungen in Kita und Schule erleben.“ Lärm, Enge und Überfüllung sowie fehlende Rückzugsorte in der Schule führten zudem zu Stress und erhöhten Konfliktpotenziale. Viele Grundschulkinder haben Bücker zufolge bereits gute Strategien, um Einsamkeit zu begegnen: Sie knüpfen neue Freundschaften, suchen Hilfe bei Erwachsenen oder versuchen, bestehende Freundschaften zu stärken. Kinder, die sich öfter einsam fühlten, neigten dazu, sich stattdessen mit Lesen, Basteln oder Musikhören abzulenken. Risiko: psychische Erkrankungen „Einsamkeit ist keine psychische Störung und auch nicht per se und für jedermann und jederzeit störend“, betont Professor Dr. Stephan Bender, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters. „Erst wenn Einsamkeit belastend wird und der Betroffene sich als hilflos in dieser Einsamkeit gefangen fühlt, ist sie auch Risikofaktor für psychische Erkrankungen.“ Stress, Schlafschwierigkeiten, Depressionen und Angststörungen könnten die Folge sein. Das wiederum könne zu psychosomatischen Erkrankungen führen, die auch durch weniger körperliche Aktivitäten und ein ungesunderes Essverhalten gefördert werden. „Wenn Kinder und Jugendliche Schlafschwierigkeiten haben, keinen Appetit mehr haben, nicht mehr aus dem Bett kommen oder in die Schule gehen, und das dann noch einhergeht mit sozialer Isolation, dann sollten alle Alarmglocken klingeln“, rät Bender. „Seit Beginn der Pandemie haben vor allem Essstörungen bei Mädchen extrem zugenommen“, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater. Als Grund sieht er vor allem den Verlust der Tagesstruktur und fehlende soziale Kontakte während der Kontaktbeschränkungen. „Die Schulschließungen waren für einige Kinder und Jugendliche katastrophal“, betont er. Auch wenn sich die Fallzahlen mittlerweile wieder reduziert hätten, seien sie noch längst nicht auf ein prä-pandemisches Niveau zurückgegangen, so Bender. Auch Angststörungen und Schulabsentismus sind ihm zufolge seit der Pandemie stark angestiegen. „Obwohl die meisten Kinder und Jugendlichen soziale Kontakte wieder aufgenommen haben, haben wir den Prä-Pandemie-Modus noch nicht wieder erreicht. Wie und wie stark soziale Kontakte gepflegt werden, hat sich seit der Pandemie für viele verändert.“ Den Anstieg von psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sowie die Zunahme von Einsamkeitserfahrungen sieht Bender aber nicht ausschließlich als Folge der Pandemie. „Familien werden immer kleiner. Immer mehr Kinder wachsen ohne Geschwister auf. Die Eltern arbeiten immer mehr und haben weniger Zeit für ihre Kinder. Kaum ein Kind oder Jugendlicher geht heute mehr auf den Bolzplatz um die Ecke und trifft dort andere Kinder. Kinder müssen sich heute verabreden, um Spielpartner zu haben.“ Resilienz stärken „Wie sozial ein Mensch ist, hängt auch mit seiner Persönlichkeit zusammen“, sagt Bender. Während einige Kinder und Jugendliche eher introvertiert seien, falle es anderen leichter, Freundschaften zu schließen. Gleichzeitig seien Eltern Vorbilder dafür, wie man soziale Kontakte pflege. Dazu kämen die Erfahrungen, die die Kinder und Jugendlichen selbst in ihren frühen sozialen Beziehungen machen. Trotzdem sei Einsamkeit keine Einbahnstraße. „Resilienz kann man lernen“, sagt Bender. Dazu benötige man Strategien, wie man zum Beispiel neue Freundschaften knüpfe oder bestehende pflege. „Manche jungen Menschen brauchen hier mehr Unterstützung als andere“, so der Psychiater. Vor diesem Hintergrund kritisiert der Klinikdirektor die langen Wartezeiten auf Therapieplätze für Kinder und Jugendliche. Allerdings sei die Erweiterung des therapeutischen Angebots nur ein Teil der Lösung. „Viel wichtiger ist es, die Fallzahlen zu reduzieren“, meint Bender. „Wir brauchen mehr Prävention, eine systemübergreifende Strategie.“ Dazu müssten Eltern, Kindergärten und Schulen, Jugend- und Sozialarbeit und auch das Gesundheitssystem zusammenwirken – trotz Fachkräftemangel und finanzieller Engpässe. „Wir müssen in unsere Kinder investieren“, so der Psychiater.
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