Rheinisches Ärzteblatt 06/2026

16 Rheinisches Ärzteblatt / Heft 6 / 2026 Spezial Nach Ansicht von Luhmann kommen aktuell viele Faktoren zusammen, die zu Einsamkeitserfahrungen beitragen. Stichwort Polykrisen: „Kriege und Krisen weltweit, eine Radikalisierung in vielen Ländern sowie der politische Rechtsruck unserer Gesellschaft tragen zur Verunsicherung bei. Dazu kommen die Wirtschaftskrise, der Aufstieg der KI, der die Arbeitswelt verändern wird, und nicht zuletzt die Klimakrise. All das kreiert Unsicherheit und Angst.“ Auch die fortschreitende Digitalisierung, Smartphones und soziale Medien seien relevant für die Einsamkeitsentwicklung. Diese grundsätzlich zu verdammen, sei aber falsch, sagt Luhmann. „Der Austausch über WhatsApp oder soziale Medien kann soziale Kontakte auch erweitern oder bereichern. Erst wenn sie beginnen, Begegnungen im realen Leben zu ersetzen, wird es problematisch.“ Jeder fünfte Jugendliche ist einsam Im Jahr 2023 veröffentlichte Luhmann im Auftrag der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen eine Studie zur Einsamkeit unter Jugendlichen im Land und fand heraus: Fast jeder fünfte Jugendliche zwischen 16 und 20 Jahren ist stark von Einsamkeit belastet, bei den 13- bis 15-Jährigen etwa jeder zehnte. Dabei sind Mädchen tendenziell einsamer als Jungen. Mehr als jeder zweite Jugendliche zwischen 16 und 20 Jahren fühlt sich der Studie zufolge manchmal einsam. Grundsätzlich gehöre Einsamkeit zum Leben dazu und habe zudem eine wichtige Funktion, betont die Einsamkeitsforscherin. „Sie weist auf einen Mangel an sozialen Kontakten hin und motiviert uns, soziale Beziehungen zu stärken oder neu aufzubauen.“ Einsamkeit werde schädlich, wenn dies nicht gelinge und man in eine Negativspirale gerate. „Einsamkeit führt dann zu einer Angst vor Zurückweisung. Manche Menschen reagieren in der Folge misstrauisch oder gar feindselig oder sie ziehen sich zurück, was die soziale Isolation natürlich noch verstärkt.“ Dies könne zu einem chronischen Stresszustand führen, der typischerweise auch mit psychischen und körperlichen Problemen einhergehe. Dabei sei Einsamkeit durchaus subjektiv: „Sie entsteht, wenn man die Qualität und Quantität seiner sozialen Beziehungen als unzureichend empfindet. Ab wann Einsamkeit als Belastung wahrgenommen wird, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.“ Luhmanns Studienergebnisse zeigen zudem: Je mehr Zeit Jugendliche mit Freunden verbringen oder Sport treiben, desto weniger einsam fühlen sie sich. Armut erhöht Einsamkeitsrisiko Neben der individuellen Persönlichkeitsstruktur und der Erziehung spielten vor allem äußere Rahmenbedingungen eine entscheidende Rolle in der Einsamkeitsentwicklung. „So trägt zum Beispiel Armut bei Kindern und Jugendlichen entscheidend zur Einsamkeit bei“, sagt Luhmann. Das gleiche gelte für Diskriminierungserfahrungen. Wer sich aufgrund seiner Herkunft, Hautfarbe, Religion oder sexuellen Orientierung ausgeschlossen fühle, habe ein erhöhtes Einsamkeitspotenzial. Um hier gegenzusteuern, brauche es dringend mehr altersgerechte Präventionsangebote, fordert Luhmann. Sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene sei das Thema Einsamkeit durchaus präsent, räumt die Psychologin ein, die selbst dem Beirat des Kompetenznetzes Einsamkeit des Bundesfamilienministeriums angehört. Im Dezember 2023 habe die damalige Bundesregierung eine 111 Maßnahmen umfassende Strategie gegen Einsamkeit verabschiedet. Auch die NRW-Landesregierung kümmere sich insbesondere seit der Pandemie verstärkt um das Thema. Allerdings stehen und fallen all diese Bemühungen mit der Finanzierung, so Luhmann. „Wir müssen Kinder und Jugendliche da erreichen, wo sie sind: in der Schule und im Internet“, erklärt die Wissenschaftlerin. So könnten Schulen beispielsweise Workshops zum Thema Einsamkeit anbieten, um soziale Kompetenzen zu verbessern. Auch Sozialarbeiter oder Schulpsychologen als Ansprechpartner in Schulen zu etablieren, sei eine von vielen Möglichkeiten. Luhmann zufolge haben auch Sportvereine großes Potenzial, Einsamkeit entgegenzuwirken. „Doch dazu müssen gerade ehrenamtliche Trainer geschult werden. Denn dass hinter dem Sport mehr stecken sollte als der reine Leistungsgedanke, ist vielen nicht klar.“ Prävention: in Schulen ansetzen Einsamkeitsprävention müsse in vorhandene pädagogische Praktiken eingebettet werden und dürfe keinen zusätzlichen Dokumentations- oder Organisationsaufwand erzeugen, betont Professorin Dr. phil. Susanne Bücker vom Lehrstuhl für Entwicklungs- und Pädagogische Psychologie an der Universität Witten/ Herdecke. „Wirksam ist, was ohnehin guten Unterricht und gute Ganztagsbetreuung ausmacht: kooperative Lernformen, strukturierte Konfliktlösung, sozial-emotionales Lernen, Mitbestimmung und verlässliche Übergänge.“ Dabei machten viele Schulen und der Offene Ganztag schon jetzt vieles richtig, auch wenn es nicht das Label Einsamkeitsprävention trage. Verlässliche Beziehungsangebote, Morgenkreise und Konfliktbearbeitung, Patensysteme, feste Kleingruppen oder partizipative Formate seien wertvolle Schritte, um Einsamkeit zu verhindern. Bücker begleitet das Projekt InspireYouth wissenschaftlich, das Einsamkeit an zehn Grundschulen mit hoher sozialer Belastung in Nordrhein-Westfalen untersucht. Das Projekt zeige, dass auch Grundschüler schon von Einsamkeit betroffen seien: jedes vierte Grundschulkind fühle sich manchmal einsam, jedes zehnte sogar oft oder immer, sagt Bücker. Dabei empfänden Grundschüler Einsamkeit meist sehr konkret und alltagsnah: „Die Kinder beschreiben Einsamkeit weniger als abstrakten inneren Zustand, sondern vor allem als etwas, das in Peer-Beziehungen und im Schulalltag entsteht: niemanden zum Spielen haben, ausgeschlossen werden, keinen festen Platz in der Gruppe finden,

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