14 Rheinisches Ärzteblatt / Heft 7 / 2026 Thema – 130. Deutscher Ärztetag Der 130. Deutsche Ärztetag (DÄT), das „Parlament der Ärzteschaft“, kam vom 12. bis 15. Mai 2026 zusammen, um gesundheitspolitische Impulse zu setzen und wichtige berufspolitische Entscheidungen zu treffen. Im Fokus des berufspolitischen Interesses standen die Ausführungen von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, die rückblickend von den Abgeordneten als wenig visionär bewertet wurden. Jeweils einen ganzen Tag beschäftigte sich das Parlament mit den Themen „Suchtmedizin im Wandel“ und der „Weiterentwicklung der Weiterbildungsordnung“. Die berufspolitische Debatte wurde am letzten Sitzungstag überschattet von Berichten über herabwürdigende Äußerungen und Grenzüberschreitungen gegenüber weiblichen Medizinstudierenden während des Ärztetags (siehe Seite 7). Wie die nordrheinischen Abgeordneten den Ärztetag in Hannover ganz persönlich erlebt haben und welche Anträge und Debatten ihnen am wichtigsten waren, schilderten sie im Nachgang dem Rheinischen Ärzteblatt. Als Delegierte habe ich den diesjährigen Deutschen Ärztetag mit großen Erwartungen, aber auch mit einer großen Verantwortung für die Zukunft unseres Berufsstandes besucht. Rückblickend hinterlässt diese Woche in mir ein zutiefst zwiespältiges Gefühl: Auf der einen Seite steht der lang ersehnte meilensteinartige Fortschritt in der ärztlichen Weiterbildung – auf der anderen Seite ein erschreckendes zwischenmenschliches und kulturpolitisches Ärztetag in Hannover: gute Debatten – große Herausforderung Armutszeugnis im Umgang mit unserem eigenen Nachwuchs. Ein Meilenstein für die Zukunft: Die neue (Muster-)Weiterbildungsordnung und die Einführung der CanMEDS-Rollen im allgemeinen Teil der Weiterbildung, mit denen wir den Anforderungen einer modernen, flexiblen und qualitativ hochwertigen Ausbildung gerecht werden. Ärztinnen und Ärzte werden explizit nicht mehr nur als medizinische Experten definiert, sondern auch in ihren Rollen als Kommunikatoren, Teamworker, Führungskräfte und gesellschaftliche Interessenvertreter. Diese Reform war überfällig, um die Weiterbildung an die Realität des 21. Jahrhunderts anzupassen und den Beruf für nachfolgende Generationen attraktiv zu gestalten. Leider hat mich der geschilderte Umgang mit weiblichen Medizinstudierenden am letzten Sitzungstag fassungslos und wütend gemacht. Wir haben junge, engagierte Medizinstudierende – die Zukunft unserer Versorgung – explizit auf diesen Ärztetag eingeladen, um ihnen eine Stimme zu geben und sie für die Standespolitik zu begeistern. Doch anstatt sie mit Offenheit und Mentoring zu empfangen, wurden sie patriarchalen Verhaltensmustern ausgesetzt, die in einer modernen Medizin absolut keinen Platz mehr haben dürfen. Fazit und Forderung: Wir können nicht auf dem Podium mühsam ein fortschrittliches Kompetenzmodell wie CanMEDS beschließen – das Werte wie Teamarbeit, professionelles Handeln und Kommunikation einfordert – während im Plenarsaal und am Rande der Debatten genau diese Werte mit Füßen getreten werden. Das Missbrauchs-Thema als Paukenschlag am letzten Tag des DÄT war laut und nachhallend. Es ist ausgesprochen wichtig, ebenso wie das Thema „Respekt und Grenz-Wahrung, Austarieren von Nähe und Distanz“ in der Arzt-Arzt-, Arzt-Team- ebenso wie in der Arzt-Patientenbeziehung, womit wir uns in der ÄkNo seit langer Zeit beschäftigen. Bundesärztekammerpräsident Dr. Reinhardt hat die brandgefährliche politische Situation der Medizin in seiner hervorragenden Eröffnungsrede auf den Punkt gebracht. Das GKV-Spargesetz lässt ein patientenorientiertes Gesundheitssystem nicht mehr möglich erscheinen, das geplante Digitalgesetz (GeDIG) untergräbt die ärztliche Schweigepflicht und das Vertrauen in die Arzt-Patienten-Beziehung ebenso wie die von verschiedenen Bundesländern in die Diskussion gebrachte Veränderung der Gesetzgebung zum Thema „Gefahr der Gewalt von psychisch Kranken“, die u. a. Meldepflicht und Melderecht im PsychKG regelt. Hervorragend der geänderte VorstandsAntrag Ic-8, der bei diesen Patienten die Behandlung vor Stigmatisierung sieht – und zwar unter ärztlicher Leitung und Verantwortung! Sucht als wichtiges Thema wurde von den Referenten beleuchtet, insbesondere das „Neudenken“ des Cannabis-Themas. Sicherlich war nicht nur ich enttäuscht, dass weit über 100 Anträge aus zwei TOPs, in die viel Herzblut und geistige Anstrengung investiert worden waren, aus Zeitmangel im Konvolut an den Vorstand überwiesen werden mussten. Wie in den letzten Jahren waren darunter leider auch wieder die Anträge zum TOP Ic-Unterthema „Psychotherapie, Versorgung psychisch kranker Menschen“, von denen lediglich der erwähnte Vorstandsantrag abgestimmt wurde. Die freundliche, wertschätzende und konstruktive Diskussion unter uns Delegierten der Ärztekammer Nordrhein, aber auch mit Kolleginnen und Kollegen anderer Kammern war ausgesprochen wohltuend und fruchtbar. Ich bin in diesem Jahr mit sehr gemischten Gefühlen vom Ärztetag in Hannover heim- „Ein Meilenstein für die Zukunft: Die Einführung der CanMEDSRollen.“ Dr. Annette Bauer (Essen) Foto: privat „Das geplante Digitalgesetz untergräbt die ärztliche Schweigepflicht.“ Christa Bartels (Zülpich) Foto: Jochen Rolfes
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