Gesundheits- und Sozialpolitik 18 Rheinisches Ärzteblatt / Heft 8 / 2026 Dafür braucht es jedoch einen kulturellen Wandel im ärztlichen Selbstverständnis hin zu mehr Delegation standardisierter Behandlungspfade an PAs. Das schafft Raum für die Betreuung komplexerer Fälle. Ich bin allerdings überzeugt davon, dass wir kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem haben. Die ambulante Versorgung braucht optimierte Strukturen, die den Einsatz von PAs in hoher Qualität ermöglichen. : Wie ordnen Sie die Aktivitäten der KV Nordrhein ein? Hunfeld:Sehr positiv. Das Modellprojekt ist ein wichtiger Seismograf. Besonders wertvoll ist, dass der Einsatz von PAs hier praxisnah untersucht wird und zentrale Fragen zu Delegation, Haftung, Abrechnung, Finanzierung und Qualitätsstandards adressiert werden. Wir sehen die KV Nordrhein hier als wichtigen Partner auf dem Weg zu einer zukunftsfesten Teampraxis. : Welche Wünsche haben Sie an die Verantwortlichen in Politik und Gesundheitswesen? Hunfeld: Wir brauchen klare, bundesweit verlässliche Rahmenbedingungen für den Einsatz von PAs – rechtlich, organisatorisch und finanziell. Wir wünschen uns, dass PAs strukturell mitgedacht und wir als Interessenvertretung aktiv einbezogen werden. Um den steigenden Versorgungsbedarf aufzufangen und die Leistungsfähigkeit der ambulanten Versorgung zu erweitern, brauchen wir ein System mit klarer und intelligenter Arbeitsteilung und unter ärztlicher Letztverantwortung – nicht weniger Medizin, sondern eine besser organisierte. Denn nicht jede Tätigkeit im Praxisalltag erfordert zwingend ärztliche Expertise. Unsere konkreten Forderungen decken sich im Wesentlichen mit denen der KV Nordrhein. Der wichtigste Punkt ist die Regulierung des Berufsbildes durch ein bundeseinheitliches Berufsgesetz mit einer standardisierten Ausbildungs- und Prüfungsordnung. Wo PA draufsteht, muss auch PA drin sein. Dazu gehören eine geschützte Berufsbezeichnung sowie eine Ausbildungs- und Prüfungsordnung, die standardisierte Curricula, Praxisphasen und Abschlüsse sicherstellt. Der Bundesmantelvertrag Ärzte muss dahin weiterentwickelt werden, dass PAs als Delegationsempfängerinnen und -empfänger aufgenommen werden. In der Finanzierung der Regelversorgung brauchen wir einen bundessehr breites Spektrum abdecken: Es reicht von Neupatientenaufnahme, Anamnesevorbereitung und Verlaufskontrollen über Chronikerbetreuung und Wundversorgung bis hin zu Prävention, Patientenedukation, Dokumentation und Koordination. Sie können Akut- und Infektsprechstunden oder eine Basisdiagnostik durchführen und standardisierte Therapieempfehlungen aussprechen. Weitere delegierbare Aufgaben sind geriatrische Assessments, DMPDokumentation oder Patientenbesuche, aber auch apparative Diagnostik wie Langzeit-EKG oder Spiroergometrien. Selbstverständlich erfolgt die finale Befundfreigabe immer durch die Ärztin oder den Arzt. PAs können aber auch bei Warnzeichen wie akuter Atemnot, Brustschmerzen oder hohem Fieber medizinische Notfallmaßnahmen ergreifen. : Welchen Vorteil haben Praxen, wenn sie sich für eine oder einen PA entscheiden? Hunfeld:Praxen gewinnen medizinisch akademisch qualifizierte Teammitglieder, die ärztliche Tätigkeiten in Delegation übernehmen können und eine hohe Akzeptanz bei Patientinnen und Patienten haben. Laut aktueller Potenzialanalyse der Bertelsmann Stiftung können PAs in einer Teampraxis zusammen mit anderen Berufen wie nicht ärztlichen Praxisassistentinnen im Schnitt 65 Prozent des ärztlichen Zeitvolumens bei delegierbaren Leistungen auffangen. Auch das Modellprojekt der KV Nordrhein wird in naher Zukunft neue Erkenntnisse zur Integration von PAs in der ambulanten Versorgung liefern. : Wie lässt sich Delegation so gestalten, dass sie wirklich entlastet? Hunfeld: Gute Delegation ist kein „Zurufsystem“, sondern ein geplanter Qualitätsprozess. Entlastung entsteht durch klare Rollen- und Tätigkeitsprofile, Standard Operating Procedures, strukturierte Einarbeitung, definierte Rückmeldewege, gemeinsame Fallbesprechungen, dokumentierte Delegationsentscheidungen und klare ärztliche Supervision. Wenn das gesamte Team weiß, wer was übernehmen kann und darf, dann entsteht Verlässlichkeit. Daria Hunfeld, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Physician Assistants (DGPA) Foto: DHZC_F.Gutbrod Daria Hunfeld, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Physician Assistants (DGPA), spricht über die Chancen und bestehenden Hindernisse beim Einsatz von PAs in der ambulanten Praxis. : Warum spielen Physician Assistants (PA) in der ambulanten Praxis bislang eine untergeordnete Rolle? Daria Hunfeld:Erfreulicherweise gab es in den vergangenen fünf Jahren eine immense Zunahme von PAs in der ambulanten Versorgung: 2021 waren lediglich elf Prozent der PAs ambulant tätig, 2025 waren es schon 16 Prozent und 2026 sind 25 Prozent der PAs ambulant tätig. Dass die ambulante Versorgung trotzdem weiterhin unterrepräsentiert ist, hat aber weniger mit fehlenden Potenzialen zu tun als mit Finanzierungs- und Rechtsfragen. : Wo liegen die größten Potenziale in der ambulanten Versorgung? Hunfeld: Überall dort, wo Abläufe wiederkehrend und gut strukturierbar sind. Wichtig dabei ist: PAs arbeiten als Mitglied des ärztlichen Teams nach dem Prinzip der Delegation unter Supervision. Dabei können sie auch in der ambulanten Praxis ein „Gute Delegation ist ein geplanter Qualitätsprozess“
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