Rheinisches Ärzteblatt 08/2026

Rheinisches Ärzteblatt / Heft 8 / 2026 17 Spezial tee of Medical Journal Editors (ICMJE) mit den weltweiten Herausforderungen der Medizinpublizistik vertraut, sieht zumindest für die von ihm verantwortete Wissenschaft im Deutschen Ärzteblatt die Gefahr gegenwärtig als gering an, dass gefälschte Manuskripte aus „Paper Mills“ zur Veröffentlichung angenommen werden. Soweit er dies beurteilen könne, gelte dies auch für die großen Klinischen Zeitschriften in Deutschland und Westeuropa, die neue Studienergebnisse oder Therapierichtlinien veröffentlichen. Beim Deutschen Ärzteblatt gebe es beispielsweise im Zuge des Peer-ReviewProzesses eine intensive Zusammenarbeit mit den Autorinnen und Autoren, durch die ein Betrug durch Manuskripte aus „Paper Mills“ sehr erschwert werde. Quantität anstelle von Qualität Mit dem Thema „Predatory Journals“ war Baethge insbesondere über seine Mitgliedschaft im ICMJE befasst. Hierzu gab es im vergangenen Jahr zeitgleich ein von den ICMJE-Mitgliedern verfasstes Editorial in den von ihnen repräsentierten internationalen Medizinzeitschriften, in dem sie das missbräuchliche Agieren von „Predatory Journals“ anprangerten und darüber informierten, wie Autorinnen und Autoren sich am besten davor schützen. Denn – so Baethge im Gespräch mit dem Rheinischen Ärzteblatt – eine wichtige Entstehungsbedingung für „Predatory Journals“ sei die mangelnde Informiertheit junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die eine erste oder zweite Publikation für ihren Lebenslauf anstrebten. „Dass ein Seniorwissenschaftler, der viel Erfahrung im Publizieren hat, auf ,Predatory Journals‘ hereinfällt, halte ich für unwahrscheinlich.“ Nicht ausgeschlossen sei allerdings, dass Autoren oder Autorinnen unter Veröffentlichungsdruck bewusst diesen Weg einschlagen, um zum Erreichen ihrer akademischen Ziele eine lange Publikationsliste vorlegen zu können. Dramatische Auswirkungen der in „Predatory Journals“ veröffentlichten Beiträge auf das Wissenschaftssystem insgesamt sieht Baethge aber nicht. „Diese Journals tauchen ja zumeist in den Datenbanken nicht auf und haben keinen Impact-Faktor. Zumindest gibt es bisher wenig Hinweise, dass es Inhalte aus Predatory Journals in relevanter Form in den medizinischen Mainstream geschafft hätten.“ Kritiker des heutigen Wissenschaftssystems sehen in den „Paper Mills“ und „Predatory Journals“ nur die Auswüchse der „publish or perish“-Kultur, die anstelle von Qualität auf Quantität setze. Weil auch in der Medizin die Wissenschaftskarriere von der Anzahl der Publikationen abhänge, komme es zur massenweisen Veröffentlichung minderwertiger Studienergebnisse. Das System setze Anreize zum Fälschen oder gar Erfinden von Daten. Auch das Geschäftsmodell der wenigen großen Wissenschaftsverlage, die diesen Markt bedienen, wird kritisiert. Sie würden exorbitante Gewinne realisieren, indem sie Autoren für Open-Access-Publikationen teuer bezahlen ließen und die Inhalte ihrer anderen Journale ebenso teuer verkauften. Insgesamt – so lautet die Kritik – habe das bestehende Publikationssystem seine Kontrollmechanismen verloren. In der sogenannten Stockholmer Erklärung, einem Forderungskatalog auf der Grundlage eines im Juni 2025 an der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften veranstalteten Workshops, wird eine grundsätzliche Neuorientierung gefordert. Die akademische Gemeinschaft – so eine der zentralen Forderungen – müsse die Kontrolle über das wissenschaftliche Publizieren zurückgewinnen, an die Stelle profitorientierter Wissenschaftsverlage müsse ein von der akademischen Gemeinschaft selbstverantwortetes Publikationswesen treten. Stärker als bisher solle das PeerReview-Verfahren als zentrale wissenschaftliche Leistung anerkannt und vergütet werden. Weiter sollen Anreize zum massenhaften Publizieren dadurch unterbunden werden, dass man die Qualität eines Wissenschaftlers oder einer Wissenschaftlerin nicht mehr vorrangig nach Zitationsmetriken bemisst; nicht die Anzahl von Publikationen in Zeitschriften mit möglichst hohem Impact Faktor und deren Zitierung wiederum in anderen Zeitschriften dürften den Ausschlag für Karriere und Vergabe von Forschungsgeldern geben, sondern die qualitative Bewertung müsse im Vordergrund stehen. Für den Leiter der Medizinisch-Wissenschaftlichen Redaktion des Deutschen Ärzteblattes klingt dies vordergründig zunächst einmal gut. Doch Metriken wie der Impact Faktor seien nicht ohne Grund als Bemessungsgrundlage in die Wissenschaft eingeführt worden; es sei darum gegangen, die subjektive Bewertung wissenschaftlicher Leistung zurückzudrängen. „Man kehrt dann zurück zu einem System, das man einmal aus guten Gründen verlassen hat, als nämlich einige wenige Medizinprofessoren quasi nach Augenmaß darüber entschieden haben, was gute Wissenschaft ist“, warnt Baethge. Auch in der medizinischen Wissenschaft werde es weiterhin darum gehen, in einem kompetitiven Rahmen begrenzte Ressourcen für Personal und Forschungsförderung zuzuweisen. Hierbei sieht er vorerst noch so recht keine Alternative zu den bestehenden Bewertungsmetriken mit den bekannten Schwächen. „Dass ein Seniorwissenschaftler, der viel Erfahrung im Publizieren hat, auf ,Predatory Journals‘ hereinfällt, halte ich für unwahrscheinlich.“ Christopher Baethge Leiter der MedizinischWissenschaftlichen Redaktion des Deutschen Ärzteblattes Foto: Deutscher Ärzteverlag

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