Rheinisches Ärzteblatt 09/2026

16 Rheinisches Ärzteblatt / Heft 9 / 2026 Spezial hafte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben durch die Förderung körperlicher Aktivität, erläutert Sportmedizinerin Dr. Ulrike Becker, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Diabetes, Sport und Bewegung der Deutschen Diabetesgesellschaft e.V. Es gehe hier unter anderem um die Verbesserung und den Erhalt der körperlichen Leistungsfähigkeit, die Verminderung krankheitsbedingter Beschwerden, die Stärkung des Selbstvertrauens in die eigene körperliche Leistungsfähigkeit und Hilfe zur Selbsthilfe. „Die Ziele im Rehasport sind immer sehr individuell und unterscheiden sich zuweilen erheblich von Patient zu Patient“, betont Becker. Das mache auch eine Evaluation der Wirksamkeit von Rehabilitationssport schwierig. Die Evidenz für den gesundheitlichen Nutzen von Bewegung sei aber eindeutig. „Es gibt eine breite Studienlage zu Bewegungsinterventionen bei Diabetes, Adipositas, onkologischen sowie Herz-Kreislauferkrankungen, Lungenerkrankungen oder chronischen Rückenschmerzen“, erklärt Becker. Gut 14.500 orthopädische Rehasportgruppen hat der Behinderten- und Rehabilitationssportverband NRW (BRSNW) aktuell zertifiziert. Das seien mit Abstand die meisten, sagt Randolph Stüwe, Bereichsleiter Qualifizierung und Rehabilitationssport. Vergleichsweise gut ausgebaut sei mit 1.160 auch das Angebot an Herzsportgruppen. Eine Versorgungslücke sieht er dagegen bei psychisch kranken Menschen. Für sie gebe es in ganz NRW nur 60 zertifizierte Rehasportgruppen. Auch Stüwe stellt beim Rehasport die „Hilfe zur Selbsthilfe“ in den Vordergrund. Es gehe darum, beeinträchtigte oder von Behinderung bedrohte Menschen zu motivieren, im Rahmen ihrer Möglichkeiten selbstständig zu trainieren. „Die Rehasportangebote sind deshalb bewusst in Vereinen angesiedelt“, sagt Stüwe. Die Hoffnung sei, dass die Patienten dabeiblieben, auch wenn die Verordnung ausläuft. Qualifizierter Sportunterricht Sportvereine, die Rehasportgruppen anbieten wollen, müssen bestimmte personelle und räumliche Anforderungen erfüllen und sich alle zwei Jahre rezertifizieren lassen. Im Fall des TV Ratingen prüft der BRSNW im Auftrag der Kostenträger die vertraglichen Regelungen. „Die Übungsleiter sind so qualifiziert, dass sie den Sportunterricht selbstständig anleiten können“, sagt Stüwe. Eine Besonderheit gebe es im Herzsport. Je nach Zusammensetzung der Gruppe gebe es dort die Option, dass eine Ärztin oder ein Rettungssanitäter beim Training anwesend sind. Gerade die Anwesenheit einer Ärztin oder eines Arztes stärke beim Herzsport häufig die Adhärenz der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, sagt Professor Dr. Rüdiger Mielke, Landessportarzt und stellvertretender Vorsitzender des BRSNW. Die Gelegenheit, sich ein- bis zweimal pro Woche mit dem Arzt auszutauschen, vermittle vielen Teilnehmern ein Gefühl der Sicherheit. „Blutdruck, Puls und Sauerstoffgehalt im Blut werden gemessen, und es ist immer Zeit für Fragen“, betont Mielke, der selbst bereits Herzsportgruppen begleitet hat. Das sei ein großer Unterschied zum üblichen Praxisbesuch einmal im Quartal. Der GKV-Spitzenverband verzeichnet seit Jahren steigende Ausgaben für Rehasport. 2025 gaben die gesetzlichen Krankenkassen 307 Millionen Euro für Rehabilitationssport aus, ein Plus von zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Vor der Coronapandemie bewegten sich die durchschnittlichen jährlichen Steigerungsraten bei circa fünf Prozent. Die Vergütungssätze verhandeln die Dachverbände des Rehasports mit den Kostenträgern. Für den allgemeinen Rehasport erhalten die Vereine in NRW aktuell pro Teilnehmer 6,60 Euro von den Primärkassen wie der AOK und sieben Euro von den Ersatzkassen wie der Barmer oder der Techniker Krankenkasse. Bei Kindern (9,66/10,57 Euro) und Schwerstbehinderten (13,53/15,05 Euro) liegen die Sätze höher, allerdings sind auch die Gruppen deutlich kleiner. Aktuell hat der BRSNW 490 Schwerstbehindertengruppen in Nordrhein-Westfalen zertifiziert. „Das ist gemessen an der Gesamtzahl der Rehasportangebote wenig, zumal der Bedarf da ist“, meint Lena Kreft, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des TV Ratingen. Ob Angebote für schwerstbehinderte Menschen geschaffen werden, hängt nach Ansicht der Sporttherapeutin aber allzu häufig vom Engagement einzelner Vereinsmitglieder ab, die Betroffene gezielt ansprechen und auch bei Förderschulen oder Ärztinnen und Ärzten für Rehasportangebote werben. „Was wir bräuchten, sind feste Strukturen, Netzwerke zwischen Sportvereinen, der Selbsthilfe und Ärzten, damit bedarfsgerechte Angebote auch entwickelt und aufgesetzt werden“, meint Kreft. Bei orthopädischen Beschwerden hätten viele Ärzte Rehasport „auf dem Schirm“ – schon allein deshalb, weil häufig das Budget für Physiotherapie erschöpft sei, ist Krefts Erfahrung. Bei anderen Krankheitsbildern fehle aber vielfach das Bewusstsein dafür, wie hilfreich der gemeinsame Sport im Verein auch hier sein könne. Gerade bei Schwerstbehinderten werde der psycho-soziale Ansatz des Rehasports unterschätzt. „Hier geht es darum, in der Gruppe zu sein, das eigene Haus wieder zu verlassen, den Umgang mit dem Rollstuhl zu erlernen“, sagt Kreft. „Das schafft Mobilität und Lebensqualität.“ „Ich halte Rehabilitationssport für ein wichtiges Werkzeug in der Behandlung chronischer Erkrankungen“, betont auch Sportmedizinerin Dr. Ulrike Becker. „Ich verordne ihn regelmäßig.“ Das Thema „Bewegung ist Medizin“ erhalte in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer nicht den Stellenwert, der ihm gebühre, kritisiert Becker. Die Rehasportgruppe beim TV Ratingen würde diesen Satz wohl unterschreiben. Als ihm sein Arzt Rehasport verordnet habe, habe er zunächst gedacht: „Wie schrecklich“, sagt ein Teilnehmer. Inzwischen mache ihm das Training großen Spaß. Er schätze die gute Anleitung und die angenehme Atmosphäre. Eine drahtige 82-Jährige ist seit acht Jahren dabei und, wie sie sagt, inzwischen beschwerdefrei. Ihr Motto: „Sport statt Tabletten“.

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