Rheinisches Ärzteblatt 09/2026

Gesundheits- und Sozialpolitik 18 Rheinisches Ärzteblatt / Heft 9 / 2026 ger Suizidversuche und legten öfter selbstverletzendes Verhalten an den Tag. Es sind aber nicht allein sexualisierte Übergriffe und Gewalterfahrungen im Internet, die bei Kindern und Jugendlichen zu gravierenden Gesundheitsstörungen führen können. Gesundheitliche Risiken entstehen auch als Folge einer problematischen Mediennutzung. Das DZSKJ hat dazu Daten aus einer Längsschnittstudie zum Mediennutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen in Deutschland vorgelegt; diese führt das Institut seit 2019 mit Förderung der Krankenkasse DAK durch. Danach zeigte sich im vergangenen Jahr bei knapp 350.000 der Zehn- bis 17-Jährigen eine riskante Nutzung digitaler Spiele, bei knapp 240.000 eine pathologische Nutzung. Soziale Medien nutzten 1,1 Millionen Mädchen und Jungen in riskanter Art und Weise, bei knapp 350.000 lag eine pathologische Nutzung vor. Dabei berichteten die problematischen Nutzerinnen und Nutzer sozialer Medien häufiger von depressiven und Angstsymptomen sowie von einem höheren Stresslevel als unauffällige Nutzer. Sie wiesen zudem häufiger Defizite in ihrer Emotionsregulation auf und waren weniger achtsam als unauffällige Nutzer. Australien als Vorreiter Darüber, wie Kinder und Jugendliche vor den Gefahren von sexualisierter Gewalt im Netz, Desinformation und Mediensucht Speicherung von Missbrauchsabbildungen. Letztere haben sich Thomasius zufolge in Deutschland seit 2019 verdreifacht. Bei etwa einem Fünftel der aktuell rund 45.000 Missbrauchsfälle handele es sich um jugendpornografische Inhalte. Das Internet vergisst nichts Thomasius wies insbesondere auf die zum Teil gravierenden gesundheitlichen Folgen von Gewalterfahrungen bei Kindern hin, darunter depressive Störungen und Angststörungen, ADHS oder Sozial- und Bindungsstörungen. Bei Gewalt im Internet kämen zusätzliche Belastungen hinzu: Gefühle andauernder Ohnmacht, Kontrollverlust und Scham, unter anderem deswegen, „weil das Internet nichts vergisst“, so Thomasius. Außerdem gäben sich die Betroffenen häufig selbst die Schuld am Erlebten, was es ihnen erschwere, sich zu offenbaren und die Gewalterfahrung zu verarbeiten. Im Vergleich zu Opfern „analoger“ sexualisierter Gewalt litten die Betroffenen von sexualisierter Cyber-Gewalt häufiger unter Depressionen, Angst und zwischenmenschlichen Störungen. Sie unternähmen häufiTikTok, Instagram, YouTube, WhatsApp und ChatGPT: Im Alltag von Kindern und Jugendlichen sind digitale Medien allgegenwärtig. Sie ermöglichen gesellschaftliche Teilhabe und Kommunikation. Aber sie öffnen auch Räume für Falschnachrichten, Mobbing, sexualisierte Übergriffe und nicht zuletzt Mediensucht mit all ihren negativen gesundheitlichen Folgen. Bundesfamilienministerin Karin Prien will deshalb Kindern und Jugendlichen unter 13 Jahren den Zugang zu sozialen Medien verbieten. von Heike Korzilius Anfang Juni ist Aktionstag „Cybergrooming“ im Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen. Die Ermittler wollen im Internet Erwachsene aufspüren, die versuchen, über Chats mit Kindern sexuellen Kontakt anzubahnen; der Versuch allein ist in Deutschland strafbar. An diesem Tag dauert es nur eine halbe Stunde, bis der erste Ermittler ein „Dickpic“, ein Penisfoto, zugeschickt bekommt. Er hatte sich als zwölfjähriges Mädchen ausgegeben. So schildert eine WDR-Reportage den Fall, der keine Ausnahme darstellt. Der Landesanstalt für Medien NRW zufolge hat eins von vier Kindern in Deutschland zwischen acht und 17 Jahren schon Cybergrooming erlebt. Weltweit sei die technologiegestützte sexualisierte Gewalt ein stark wachsendes Phänomen, sagte Professor Dr. Rainer Thomasius, bis vor Kurzem ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf, beim 13. Kammerkolloquium Kindergesundheit der Ärztekammer Nordrhein Ende Juni in Düsseldorf. Zu den sexualisierten Übergriffen zählte der Kinder- und Jugendpsychiater neben Cybergrooming die Erpressung mit intimen Aufnahmen (Sextortion), das nicht-einvernehmliche Teilen intimer Aufnahmen (Sexting), die sexualisierte Belästigung im Internet und die digitale Herstellung, Verbreitung und Soziale Medien: Kinder vor Gefahren schützen Digitaler Alltag: Kinder und Jugendliche sollten je nach Entwicklungsstand angemessen in ihrer Mediennutzung unterstützt werden. Zudem sollen abgestufte Schutzvorkehrungen für Jugendliche bis 18 Jahren greifen, raten Experten. Foto: JackF/istockphoto.com

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