Rheinisches Ärzteblatt 10/2026

16 Rheinisches Ärzteblatt / Heft 10 / 2026 Spezial werden muss. Anschließend ruft er in der Apotheke an und bestellt das Arzneimittel. Der Apotheker versichert, dass es noch im Laufe des Tages geliefert werden kann. Mohl ist erleichtert. Der 71-jährige Duisburger leidet an einem Prostatakarzinom mit multiplen Knochenmetastasen. Für ihn und seine Frau war die Diagnose Ende 2025 ein Schock. Die Eheleute schöpften zunächst noch Hoffnung auf Heilung und setzten auf die Teilnahme an einer experimentellen urologischen Studie. Als sich Mohls Zustand Anfang dieses Jahres jedoch rapide verschlechterte, riet ihm seine Urologin, zu einer palliativmedizinischen Versorgung überzugehen. Seit April wird Mohl von Breimann und dem SAPV-Team des Palliativnetzes Duisburg betreut. „Die Diagnose hat unser Leben komplett durcheinandergeworfen“, sagt seine Frau im Gespräch mit dem Rheinischen Ärzteblatt. Sie selbst habe alles zurückgestellt, um ganz für ihren Mann da sein zu können. Unterstützung erhalten die Eheleute Mohl nicht nur von ihren Töchtern, die ebenfalls in Duisburg leben und regelmäßig nach ihrem Vater schauen. Auch ein alter Jugendfreund hilft, wo er kann. „Insbesondere nach einer solchen Nacht tut es gut zu wissen, dass Leute an mich denken“, sagt Mohl. Dass sich Familie und Freunde so intensiv um einen Patienten kümmern, sei nicht die Regel, sagt Palliativmediziner Breimann. Viele Menschen seien im Umgang mit schwerkranken oder sterbenden Angehörigen schlichtweg überfordert. Diese Unsicherheit könne sich wiederum auf den Patienten übertragen und Ängste oder das Gefühl, „zur Last zu fallen“, verstärken. In der Palliativmedizin werde deshalb nicht nur der Patient selbst betreut, sondern auch sein Umfeld. Auch bei der Beantragung höherer Pflegegrade sowie bei der Versorgung mit Hilfsmitteln, etwa Pflegebetten oder Toilettenstühlen, unterstützt das Palliativteam. Breimann betont zugleich: „Die SAPV hat nicht den Anspruch, den Hausarzt zu ersetzen.“ Behandelt würden ausschließlich Symptome, die mit der schweren Erkrankung in Zusammenhang stehen. Die Zusammenarbeit mit den Hausärzten verlaufe in der Regel reibungslos. Lebensqualität erhalten Breimann arbeitet seit knapp 16 Jahren im Palliativnetz Duisburg. Vor Einführung der SAPV habe er immer wieder erlebt, dass schwer kranke Patienten mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht wurden, weil die Möglichkeiten der ambulanten Versorgung ausgeschöpft waren. Dort seien sie dann häufig außerhalb ihrer vertrauten Umgebung und fern ihrer Angehörigen gestorben. „Diese Situation empfand ich als unbefriedigend – nicht nur für die Patienten, sondern auch für die Familien und die behandelnden Ärztinnen und Ärzte“, sagt der 71-Jährige, der lange Jahre in Duisburg als Hausarzt niedergelassen war. Für ihn war deshalb von Anfang an klar, dass er sich in der SAPV engagieren würde. Um seine Patienten auch in der letzten Lebensphase gut versorgen zu können, bildete sich Breimann in Spezieller Schmerztherapie weiter und schloss sich dem Palliativnetz Duisburg an. Heute betreut er überwiegend Krebspatienten, zunehmend aber auch Menschen mit fortgeschrittener Herzinsuffizienz, schwerer COPD oder neurologischen Erkrankungen wie ALS, Multipler Sklerose oder Demenz. Im Erstgespräch geht es Breimann immer darum herauszufinden, wie seine Patientinnen und Patienten ihre Erkrankung erleben. Nicht jeder habe zu diesem Zeitpunkt die Diagnose akzeptiert oder deren Tragweite verstanden. Den Tod selbst fürchteten dabei die wenigsten, wohl aber den Weg dorthin. Viele hätten Angst vor Schmerzen, Luftnot oder Übelkeit. Auch die Sorge, als „Drehtür-Patient“ immer wieder ins Krankenhaus eingeliefert zu werden, sei häufig. Angebot mit Lücken In solchen Situationen kann Breimann beruhigen: Die SAPV könne Schmerzen und andere belastende Symptome lindern. Allerdings könne sich der Zustand schwerstkranker Menschen innerhalb weniger Tage oder Stunden grundlegend verändern. „Darauf muss unsere Behandlung immer wieder neu abstellen“, sagt Breimann. Manchmal äußerten Patienten ihm gegenüber auch den Wunsch zu sterben. Er nehme solche Äußerungen ernst, betont der Palliativmediziner. Im Gespräch zeige sich dann aber häufig, dass hinter dem Todeswunsch die Angst vor belastenden Symptomen stehe oder die Patienten bereits unter starker Atemnot oder Schmerzen litten. Wenn sich die Beschwerden durch eine Anpassung der Medikation lindern ließen, trete der Wunsch zu sterben oft wieder in den Hintergrund. Allerdings, so Breimann, gerate auch die SAPV zuweilen an ihre Grenzen, etwa bei therapieresistenten Symptomen oder völlig überforderten Angehörigen. Dann könne eine kurzfristige stationäre Behandlung auf einer Palliativstation angebracht sein. Die SAPV wurde 2007 als gesetzlicher Leistungsanspruch eingeführt. Sie soll unheilbar kranken und sterbenden Menschen möglichst bis zum Schluss eine hochwertige medizinische Versorgung zu Hause ermöglichen. Dafür arbeiten SAPV-Pflegedienste, Hausärzte, Palliativmediziner und weitere Leistungserbringer eng zusammen. In Nordrhein gibt es nach Angaben des Verbundes der SAPV-Teams derzeit 36 Teams für Ärztliche Körperschaften im Internet Ärztekammer Nordrhein www.aekno.de Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein www.kvno.de Ärzteversorgung Nordrhein www.naev.de

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