Rheinisches Ärzteblatt 10/2026

Rheinisches Ärzteblatt / Heft 10 / 2026 17 Spezial Erwachsene und sechs für Kinder. Bundesweit stieg die Zahl der SAPV-Verordnungen laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung von 70.429 im Jahr 2014 auf 181.500 im Jahr 2023. In Nordrhein nahm sie im selben Zeitraum sogar um mehr als 320 Prozent zu, von rund 6.000 auf 25.863 Verordnungen. Trotzdem erreicht die SAPV viele schwerstkranke Menschen noch immer zu spät oder gar nicht, kritisieren Experten. Insbesondere auf dem Land gebe es Versorgungslücken. Auch sei es für Ärztinnen und Ärzte mitunter schwierig, den richtigen Zeitpunkt für eine palliative Versorgung zu erkennen und anzusprechen. Unsicherheit über den Krankheitsverlauf und die Hoffnung auf weitere Therapieoptionen könnten dazu führen, dass palliative Angebote erst (zu) spät unterbreitet werden. Den Patienten selbst und ihren Angehörigen sei die SAPV häufig noch immer kaum bekannt. Entlastung für Angehörige Flankierend zur SAPV können auch ambulante Hospizdienste zur Entlastung beitragen. Kurz einkaufen gehen, Freunde treffen oder ins Fitnessstudio: Für viele Angehörige von Palliativpatienten sind solche Aktivitäten undenkbar oder mit einem schlechten Gewissen verbunden, weiß Sebastian Pietschek. Der Palliativpfleger ist stellvertretender Leiter des Franziskus Hospizes Erkrath und Mitglied im Vorstand des Hospiz- und Palliativverbands NRW. Häufig plage Angehörige die Sorge, dass „etwas Schlimmes“ passieren könnte, sobald sie ihre schwerkranken Familienmitglieder allein ließen. „An dieser Stelle können ambulante Hospizdienste entlasten“, erklärt Pietschek. Ehrenamtliche nähmen sich dann Zeit für Gespräche, spendeten Trost oder gingen auf individuelle Wünsche der Patienten ein. Manche kochten gemeinsam, andere spielten Schach oder gingen ins Eiscafé oder ins Stadion. Auch Tageshospize wie das in Erkrath hielten ein Angebot vor, dass über die medizinische und pflegerische Versorgung der schwerkranken Patienten hinausgehe. „Der Tag beginnt immer mit einem gemeinsamen Frühstück, danach organisieren wir kleinere Ausflüge, wie einen Besuch auf der Kirmes, oder wir spielen Boule im Park“, sagt Pietschek. Der Aufenthalt gebe dem Alltag der Patienten Struktur. Gleichzeitig vermittle das Gruppenerlebnis das Gefühl, mit der eigenen Situation nicht allein zu sein und weiterhin am Leben teilhaben zu können. Das Tageshospiz in Erkrath war 2022 das erste seiner Art in Nordrhein-Westfalen. Tagsüber erhalten Patienten dort medizinische, pflegerische und soziale Betreuung, abends und an den Wochenenden kehren sie nach Hause zurück. Sterben im Kreis der Familie Zurück im Duisburger Norden: Seit Frank und Kerstin Mohl vom Palliative-Care-Team betreut werden, fühlen sie sich im Umgang mit der Erkrankung deutlich sicherer. Rund um die Uhr haben sie einen festen Ansprechpartner, der ihre Fragen beantwortet und im Notfall auch nach Hause kommt. Ihre Ansprechpartnerin ist Theresa Croonenbroeck, eine Pflegefachkraft des Palliative-Care-Teams, die Kerstin Mohl nur „Schwester Theresa“ nennt. Sie habe Kerstin Mohl so geschult, dass sie sich in einer Notfallsituation nicht mehr hilflos fühlt. Doch wenn Palliativmediziner Breimann zu seinem wöchentlichen Besuch kommt, steht nicht immer die Krankheit im Mittelpunkt. An diesem Morgen entdeckt er ein BVB-Handtuch und es entspinnt sich ein Gespräch über Fußball, in dem Frank Mohl „von früher“ erzählt. Er sei schon immer ein geselliger Mensch gewesen, sagt er. Umso wichtiger sei es ihm, die letzte Lebensphase zu Hause im Kreis seiner Familie und Freunde zu verbringen. Die Palliativpflegerin habe er gebeten, seine Angehörigen unverzüglich zu informieren, sobald sich erste Anzeichen für den nahenden Tod zeigten. Seine Beerdigung hat der 71-Jährige bereits geplant und auch mit dem Priester die Trauerfeier besprochen. Er ist ein Freund der Familie. Nach rund 90 Minuten ist Breimanns Besuch beendet. Für den Palliativmediziner bedeutet ein gutes Lebensende, ohne Luftnot, Schmerzen oder Übelkeit und möglichst ohne Angst sterben zu können, umgeben von vertrauten Menschen und in einer Umgebung, die Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. „Wenn es gelingt, Patienten diesen Wunsch zu erfüllen, empfinde ich meine Arbeit als sinnvoll“, sagt Breimann. Luftnot und Übelkeit behandeln, Schmerzen lindern, zuhören und damit Lebensqualität erhalten: Als Palliativmediziner im Palliative-Care-Team Düsseldorf (PCT) des Evangelischen Krankenhauses Düsseldorf versorgt Theodor Sturm schwerkranke und sterbende Patientinnen und Patienten im Rahmen der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV) überwiegend zu Hause, aber auch in Hospizen und Pflegeheimen. Sein Ziel ist, ihnen bis zuletzt ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Den Internisten und stellvertretenden Leiter des PCT erfüllt seine Arbeit vor allem wegen der umfassenden Betreuung der Patienten und ihres Umfelds sowie der engen interprofessionellen Zusammenarbeit. „Bei der SAPV habe ich genügend Zeit, um auf die Bedürfnisse der Patienten und ihres Umfelds einzugehen“, sagt er. Wie Sturm seine Arbeit im SAPV-Team erlebt, welchen Herausforderungen er begegnet und wie er mit der ständigen Nähe zum Tod umgeht, berichtet er in einem Videobeitrag der Kurzfilmreihe „Job, Beruf, Berufung: Aus dem Alltag nordrheinischer Ärztinnen und Ärzte.“ Jetzt anschauen: www.aekno.de/kurzfilmreihe-arztberuf Kurzfilm: Aus dem Berufsalltag eines Palliativmediziners Grafik: MST

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