Rheinisches Ärzteblatt / Heft 10 / 2026 39 Kulturspiegel Das Kölner Theater der Keller zeigt eine moderne Fassung von Henrik Ibsens „Peer Gynt“ in einer Bearbeitung von Lidia Polito. von Jürgen Brenn Die junge Autorin, Dramaturgin und Regisseurin Lidia Polito hat eine moderne Fassung von Henrik Ibsens „Peer Gynt“ auf die Bühne des Kölner Theaters der Keller gebracht, die kürzlich ihre Premiere feierte. Bei Polito heißt das ursprüngliche dramatische Gedicht in fünf Akten „Peer Gynt, unersättlich“. Ibsens Stück wurde 1876 in Christiania, dem heutigen Oslo, uraufgeführt und war anfangs von dem norwegischen Dichter nicht für das Theater konzipiert worden. Weltbekannt ist die begleitende Musik, die Edvard Grieg beisteuerte. Im Theater der Keller konzentriert sich das Stück auf die Frage nach Authentizität in einer Welt der Illusionen, in der die Lüge zur Währung und das Ich zum Dauerprojekt wird. Denn das Versprechen der heutigen Zeit lautet: „Du kannst alles werden.“ Überbesorgte Eltern, die jeden Wunsch erfüllen, und Soziale Medien machen es heutzutage vielen Menschen leicht, sich in eine Welt zu flüchten, die immer mehr um das eigene Ich kreist und in der der Bezug zur Realität allmählich verloren geht; das Leben in der eigenen Bubble. Polito verbannt aus ihrer Version alles, was in der Urfassung von ihrer zentralen Frage ablenken könnte. Herausgekommen ist eine Fassung, die in weniger als eineinhalb Stunden alles Wesentliche erzählt. Da „Peer Gynt, unersättlich“ mit vielen Anspielungen, wenigen Darstellern und Requisiten auskommt, ist es von Vorteil, wenn man die Handlung des Originals im Kopf hat. Peer Gynt, intensiv gespielt von Thomas Brandt, ist alles andere als ein vorbildlicher junger Mann, der Haus und Hof zusammenhält. Er trägt narzisstische Züge, kann das Lügen und Aufschneiden nicht lassen und ist doch gleichzeitig ein Schwärmer und Fantast, der sich und seine Mitmenschen mit unglaublichen Geschichten zum Narren hält. Dabei wirkt Peer nicht unsympathisch, sondern nur wie ein junger Mann, der ein bisschen überspannt ist und zu viel Fantasie besitzt. Beispielsweise erzählt der Bauernsohn, der mit seiner Mutter Aase in ärmlichen Verhältnissen lebt, wortgewaltig, warum er auf der Jagd nichts zustande gebracht hat und mit leeren Händen nach Hause kommt. So wie Münchhausen auf einer Kanonenkugel ritt, so hat Peer einen wilden Galopp auf dem Rücken eines Ziegenbocks entlang eines gefährlichen Grats hinter sich. Seine Mutter Aase, gespielt von Julia Staufer, ist weit davon entfernt, ihrem vergötterten Sohn deshalb gram zu sein. Er ist ihr Ein und Alles. Aus der Hochzeitsfeier Ingrids, bei der Peer die Braut entführt, aber kurz danach das Interesse an ihr verliert, weil er sich in Solveig verliebt hat, wird in der Kölner Inszenierung eine Disconacht, bei der Peer Solveig, wiederum solide gespielt von Julia Staufer, kennenlernt. Die tugendhafte junge Frau entzieht sich allerdings an diesem Abend seinen Avancen. Fließend und gekonnt schlüpft Staufer aus der Rolle der Mutter in die der Geliebten und wieder zurück. Peer zieht es in den Wald, wohin ihn Trolle locken. Sie werden verkörpert von Schauspielschülern der theatereigenen Schauspielschule, Rayon Mühleib, Paula Wetten und Ruth Winandy, die während der gesamten Aufführung auf der Bühne stehen. Sie unterstützen die Hauptfiguren atmosphärisch oder treiben als Sprechchor die Handlung voran. Als Trolle haben sie sich pelzige Tatzenhandschuhe übergestreift, mit denen sie Peer in ihr Reich locken. Auch dort dreht Peer das große Rad und erzählt das Blaue vom Himmel herunter. Vor allem mit seiner fixen Idee, er werde ein Kaiser, prahlt er unter den Trollen und umgarnt ein Trollmädchen. Den Waldgeistern ist die Aufschneiderei herzlich egal. Gelangweilt bohren sie mit ihren Klauen genüsslich in Ohren und Nasen. Als sich allerdings herausstellt, dass Peer nicht daran denkt, bei den Trollen zu bleiben oder seinen zukünftigen Kaiser-Reichtum zu teilen, werden sie böse, und er muss fliehen. Peer hat es sich mit der Menschen- und mit der Geisterwelt verscherzt, allein Solveig hält ihm die Treue. Zusammen bewohnen sie eine Hütte tief im Wald, und es blitzt ein Glücksmoment für die beiden auf. Dieser währt allerdings nicht lange, und Peer zieht es in die weite Welt hinaus. Ibsen erzählt nun im Original allerlei wunderliche Begebenheiten in exotischen Ländern. Im Theater der Keller läuft eine Videosequenz, die die verschiedenen Stationen seiner selbstgewählten Odyssee verkörpert. Die Geschichte macht einen Sprung von rund 30 Jahren. Peer kommt als alter, verarmter Mann nach Skandinavien zurück. Er findet seine Hütte im Wald wieder, in der Solveig immer noch lebt und geduldig die ganzen Jahre auf ihn gewartet hat. Entgegen seiner Befürchtung freut sich Solveig über seine Rückkehr nach so vielen Jahren der Einsamkeit, die sie ohne ihren Geliebten verbringen musste. Durch ihn sei ihr Leben ein „schöner Gesang“ geworden, denn auch wenn er fort war, war er doch immer bei ihr, in ihrem Glauben, ihrem Hoffen und ihrem Lieben. Da erst erkennt Peer, dass sein Glück direkt vor seiner Nase war und nicht in fernen Ländern. Informationen unter www.theater-der-keller.de oder Tel.: 0221 318 059. Von egozentrischen Posern und popelnden Trollen Thomas Brandt ist als Peer Gynt und Julia Staufer als Solveig in „Peer Gynt, unersättlich“ im Kölner Theater der Keller zu sehen. Foto: Oliver Strömer
RkJQdWJsaXNoZXIy MjMxMzg=