Rheinisches Ärzteblatt 11/2026

Gesundheits- und Sozialpolitik Rheinisches Ärzteblatt / Heft 11 / 2026 19 Und da müssen wir dann realistisch unsere Möglichkeiten anschauen, wo wir noch Effizienzreserven haben, wo wir Strukturen verschlanken und wie wir nachhaltig entbürokratisieren können. Wir wollen jedoch nicht, dass weiterhin alles versprochen wird, uns Ärztinnen und Ärzte aber dafür die Rahmenbedingungen genommen werden. : Wo erleben Sie denn solche Eingriffe in die Rahmenbedingungen? Berson: Statt Strukturen zu verschlanken, erleben wir in der aktuellen Gesetzgebung den Aufbau von Doppelstrukturen. Ich nenne zwei Beispiele: Im Rahmen der Apothekenreform sollen Apotheken vermehrt Aufgaben übernehmen, die zuvor Ärzten vorbehalten waren. Hierzu gehören die Durchführung aller Schutzimpfungen mit Totimpfstoffen, Standard-Blutentnahmen zur Kontrolle von Medikamentenwirkungen sowie präventive Schnelltests – alles Maßnahmen an der ambulanten Versorgung durch Ärztinnen und Ärzte vorbei. Und wenn diese Tests zu Verunsicherungen führen, dann kommen die Menschen wieder in die ambulante Versorgung. Das führt zu teuren Doppeluntersuchungen und hilft dem Patienten am Ende gar nichts. Und bei der Notfallreform werden neue Versorgungsangebote wie die 24/7-Bereitschaft parallel zu den Sprechzeiten der Arztpraxen geplant. Ich frage mich dabei nicht nur nach der Sinnhaftigkeit, sondern immer auch, mit welchem Personal so etwas umsetzbar sein soll? Das ist doch an Widersprüchlichkeit kaum zu überbieten. Auf der einen Seite werden dem ambulanten System durch Sparvorgaben Milliarden entzogen, und dann weitet man das Leistungsangebot an unterschiedlichen Stellen komplett unkoordiniert aus. : Dennoch fordert auch die Ärzteschaft eine Notfallreform. Dreyer: Unbedingt. Wir wissen, dass circa ein Drittel der Patientinnen und Patienten aus unterschiedlichsten Gründen, vor allem aus fehlender Gesundheitskompetenz, die Notaufnahmen der Krankenhäuser aufsuchen, obwohl sie keine akuten Notfälle sind. Deshalb muss die kommende Notfallreform, die ja auch ein gewisses Vorbild für die Primärversorgungsreform – Stichwort: standardisierte Ersteinschätzung und konsequente Versorgungssteuerung – darstellen kann, so gestrickt werden, dass die Menschen nach einer verbindliche Ersteinschätzung erleben, dass sie zeitnah in die richtige Versorgungsebene gelangen und ihnen dort geholfen wird. Was aber auch klar sein muss, dass es da keine Schlupflöcher geben darf, sonst ist die Ersteinschätzung sinnlos. Wenn es klare Wege gibt, dann wird dies auch zu Akzeptanz führen. Berson: Diese Wege und Anlaufstellen müssen dann aber auch ausreichend finanziert werden. Und wichtig wäre, dass die neue Reform von einer großen Aufklärungskampagne zur Stärkung der Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung begleitet werden muss, damit Notfälle wieder von normalen Behandlungsbedarfen unterschieden werden können. : Was sollte der neue Bundesgesundheitsminister noch angehen? Dreyer: Es klingt ja gebetsmühlenartig, aber wir werden weiter auf Bürokratieabbau dringen. Es gibt kaum eine Rede von einem Bundesgesundheitsminister vor einem Deutschen Ärztetag, in dem uns nicht versprochen wird, den Bürokratieabbau im Gesundheitswesen anzugehen. Seit Jahren folgt nichts auf diesen Versprechungen, im Gegenteil erleben wir mit jedem neuen Gesetz weiteren Bürokratieaufwuchs. Beispiel: Mit dem neuen GKV-Spargesetz werden deutlich höhere Prüfquoten für Krankenhausabrechnungen durch den Medizinischen Dienst etabliert, und auch das obligatorische Zweitmeinungsverfahren wird zu einer erheblichen Dokumentationszunahme führen. Berson: Ein weiteres Beispiel für die überbordende Bürokratie ist die unsägliche Idee, eine Krankschreibung am ersten Tag, gekoppelt mit der Abschaffung der telefonischen Krankschreibung einzuführen. Auch die kleinteiligen Ideen zu Teilkrankschreibungen werden unnötig viel Dokumentation erfordern und die Kolleginnen und Kollegen in der Niederlassung belasten. Und es hilft ja auch gar nicht gegen die Zielproblematik. Denn nicht die kurzfristigen Infektionen sind die Treiber der Krankheitstage, sondern es sind neben den Muskel-Skelett-Erkrankungen vor allem psychische Erkrankungen, die langfristige Ausfälle verursachen. Ein starkes Argument für mehr Prävention. Dreyer: Ich wünsche mir auch ein stärkeres Engagement bei der Prävention. Hier fehlt mir ein Zielbild, dass sich dann auch in einem überarbeiteten Präventionsgesetz widerspiegelt. Stattdessen sehen wir derzeit nur Hickhack, etwa bei Steuerabgaben auf Zucker, Nikotinprodukte und Alkohol, bei der Budgetierung von Früherkennungsuntersuchungen und bei dem seit Jahren fehlenden Ansatz, Gesundheitsförderung in der Schule strukturell anzugehen. Von Anstrengungen bei Klimaanpassungen und Hitzeschutz ganz zu schweigen. Es liegen noch viele Aufgaben vor uns, und wir als verfasste Ärzteschaft sind bereit, uns da zu engagieren. Das Interview führten Sabine SchindlerMarlow und Dr. Thomas Gerst. Dr. Arndt Berson, Vizepräsident der Ärztekammer Nordrhein: „Ich glaube, dass das GKV-Spargesetz an vielen Stellen ein Schnellschuss war und jetzt die Korrekturen beginnen. Seit Jahren fordert die Politik zu Recht mehr Ambulantisierung. Doch nun werden ausgerechnet ambulante Operationen budgetiert. Hier passen Zielbild und Gesetzgebung einfach nicht zusammen.“ Foto: Jochen Rolfes

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