Rheinisches Ärzteblatt 05/2026

16 Rheinisches Ärzteblatt / Heft 5 / 2026 Spezial Wenig später erklärt auf derselben Plattform ein junger Mann im weißen Poloshirt mit umgehängtem Stethoskop, hochdosiertes Vitamin C könne bei Krebs helfen, und verweist auf sein persönliches Coaching zur Nährstoffanalyse. Wer dem Link in seinem Profil folgt, landet auf einer Seite mit Rabattcodes für Nahrungsergänzungsmittel und Hormontests. Wer durch soziale Medien scrollt, stößt auf unzählige fragwürdige Gesundheitsbehauptungen, die nicht selten mit kommerziellen Interessen verknüpft sind. Gesundheitsthemen dienen dabei häufig als Aufhänger, um Nahrungsergänzungsmittel, Detox-Kuren oder Coachings zu bewerben. Andere Kanäle verbreiten Verschwörungsmythen, etwa zum Thema Impfen. Mitunter haben solche Kanäle hunderttausende Follower. Besonders junge Menschen werden von entsprechenden Inhalten erreicht. Laut einer österreichischen Studie stoßen 83 Prozent der 15- bis 25-Jährigen zumindest gelegentlich auf gesundheitsbezogene Inhalte; 37 Prozent folgen aktiv medizinischen Influencern, sogenannten „Medfluencern“, und 31 Prozent haben bereits ein von Influencern beworbenes Gesundheitsprodukt gekauft. Dabei fällt es vielen Nutzerinnen und Nutzern schwer, die wissenschaftliche Richtigkeit der Gesundheitsaussagen zu beurteilen. Zu ähnlichen Zahlen kommt eine Studie der TU München und der Hochschule Fulda in Kooperation mit der BARMER. Aus dieser geht hervor, dass 22 Prozent der Schüler zwischen neun und 18 Jahren bei der Recherche nach Gesundheits-Content mindestens einmal pro Woche auf YouTube suchen, 21 Prozent suchen per WhatsApp, Signal, Telegram und Co. sowie knapp 19 Prozent zum Beispiel auf Instagram, Facebook, Snapchat oder Twitter. Dr. Sven Dreyer, Präsident der Ärztekammer Nordrhein, sieht in der zunehmenden Beliebtheit und Reichweite von Medfluencern sowohl Chancen als auch Risiken: „Grundsätzlich kann sich in den sozialen Medien jeder zu Gesundheitsthemen äußern, unabhängig davon, ob die nötige fachliche Kompetenz vorliegt oder nicht“, sagt Dreyer. Was bei seriösen Medfluencern als wichtige Aufklärung wirken könne, berge bei selbsternannten Gesundheitsexperten erhebliche Risiken, die von falschen Diagnosen bis hin zu gesundheitsgefährdenden Empfehlungen reichten. Um wissenschaftlich fundierte Gesundheitsinformationen auf Instagram, TikTok und YouTube zu fördern, haben die Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe unter der Schirmherrschaft von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann in diesem Jahr erstmals einen Medfluencer-Preis ausgeschrieben. Ausgezeichnet werden Beiträge, die sich verständlich, evidenzbasiert und informativ mit medizinischen Sachverhalten auseinandersetzen. „Solange es kein Qualitätssiegel für wissenschaftliche Gesundheitsinformationen auf Social-MediaPlattformen gibt, müssen wir durch Aufklärung verhindern, dass Bürgerinnen und Bürger durch Fehlinformationen Schaden nehmen oder auf Fake-Accounts hereinfallen“, betont Dreyer. „Deshalb ist es uns wichtig, vertrauenswürdige Quellen zu fördern und Standards für guten Gesundheits-Content bekannt zu machen“, ergänzt Dr. Hans-Albert Gehle, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe. Beide Präsidenten gehören der Jury des Medfluencer-Preises an. Meral Thoms, MdL, Sprecherin für Gesundheitspolitik Bündnis90/Die Grünen und Jurorin, sieht in dem Preis eine Chance, um die Qualität von Gesundheitsinformationen in sozialen Medien zu steigern. „Soziale Medien sind insbesondere für junge Menschen längst eine zentrale Quelle für Gesundheitsinformationen. Umso wichtiger ist es, evidenzbasierte Inhalte sichtbar zu machen und qualifizierte Medfluencer zu stärken“, sagt sie. Zu den weiteren Juroren zählt Dr. Heinz-Wilhelm Esser, der selbst unter anderem als Medfluencer aktiv ist. Der Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Kardiologie leitet als Oberarzt die Sektion Pneumologie am Sana Klinikum Remscheid und ist zudem als Moderator in Fernsehen, Podcast und Hörfunk aktiv. Seit 2016 moderiert er die WDR-Sendung „Doc Esser – Der Gesundheits-Check“ und die daraus folgenden Ableger auf Social Media. Im Medfluencer-Preis sieht Esser eine wichtige Initiative, um Orientierung im digitalen Gesundheitsraum zu schaffen: „Gesundheit wird heute auf TikTok und Co. erklärt – und das ist zunächst nicht problematisch. Gefährlich wird es jedoch, wenn Meinung und Wissenschaft vermischt werden.“ Viele Nutzerinnen und Nutzer könnten nicht erkennen, ob Inhalte evidenzbasiert seien oder lediglich überzeugend wirkten. „Reichweite ersetzt keine Kompetenz“, betont Esser. Wer über Gesundheit spreche, trage Verantwortung. Auch Dr. Nibras Naami bringt seine Perspektive als langjähriger Medfluencer in die Jury ein. Der Kinder- und Jugendmediziner mit Schwerpunkt Kinderhämatologie und -onkologie ist Leiter des Westdeutschen Hämatologischen Zentrums und betreibt seit 2020 geDie Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe schreiben in diesem Jahr erstmals gemeinsam einen Medfluencer-Preis aus. Teilnehmen können Ärztinnen und Ärzte sowie Medizinstudierende aus Nordrhein-Westfalen. Pro Person können bis zu drei Videobeiträge eingereicht werden, die zwischen dem 1. Januar und dem 1. Juni 2026 auf YouTube Shorts, TikTok oder Instagram veröffentlicht wurden. Alle Beiträge müssen den Standards journalistischer Arbeit sowie der ärztlichen Sorgfaltspflicht entsprechen. Das Preisgeld beträgt in den Kategorien „Ärztinnen und Ärzte“ sowie „Medizinstudierende“ jeweils 2.500 Euro. Bewerben kann man sich ab dem 30. April; Bewerbungsschluss ist der 10. Juli. Die Gewinnerinnen und Gewinner werden schriftlich benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Preisverleihung findet am Montag, 14. September 2026, um 19 Uhr im Haus der Ärzteschaft in Düsseldorf statt – im Rahmen einer Talkrunde zum Thema „Spagat zwischen Kamera und Heilberuf“. Weitere Informationen und Bewerbung unter: www.aekno.de/preis2026 Der Medfluencer-Preis 2026: Jetzt bewerben!

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