20 Rheinisches Ärzteblatt / Heft 7 / 2026 Spezial den Forschungsbereich Affektive Erkrankungen und untersucht in der Forschungsgruppe Neurourbanistik die Auswirkungen des Stadtlebens auf die psychische Gesundheit. Tatsächlich zeigten Studien, dass Stadtbewohner ein höheres Risiko für psychische Erkrankungen haben als Menschen in ländlichen Regionen. Das Risiko, an einer Depression zu erkranken, liege etwa um das Eineinhalbfache höher. Bei der Schizophrenie verdoppele es sich sogar. „Und dennoch: Stadtleben macht nicht per se krank“, betont Adli. Entscheidend sei vielmehr, wie Städte gestaltet würden. „Überfüllte U-Bahnen oder langwierige Verkehrsstaus sind zwar ärgerlich, aber nur vorübergehende Belastungen.“ Gesundheitsschädlich werde es, wenn Menschen dauerhaft Stress ausgesetzt seien, den sie als unkontrollierbar wahrnähmen. Eine zentrale Rolle spiele dabei die Wohnsituation. Beengte Wohnverhältnisse und fehlende Rückzugsmöglichkeiten könnten Dichtestress verursachen. Dauerhafter Platzmangel erhöhe das Stressniveau erheblich und könne langfristig unter anderem HerzKreislauf-Erkrankungen begünstigen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lebten im vergangenen Jahr knapp zwölf Prozent der Bevölkerung in Deutschland in überbelegten Wohnungen. In Städten lag die Überbelegungsquote mit 16 Prozent dreimal so hoch wie in ländlichen Regionen. Besonders häufig betroffen waren Erwachsene mit ausländischer Staatsangehörigkeit: Mit 30 Prozent lebte fast jede dritte Person dieser Gruppe in einer überbelegten Wohnung. Der Anteil war damit nahezu fünfmal so hoch wie unter deutschen Staatsangehörigen ab 18 Jahren. Auch armutsgefährdete Menschen (27,4 Prozent) sowie Haushalte mit Kindern (17,6 Prozent) waren überdurchschnittlich häufig von Platzmangel betroffen. Nach Definition der Europäischen Union gilt eine Wohnung unter anderem dann als überbelegt, wenn kein Gemeinschaftsraum vorhanden ist oder nicht jedes im Haushalt lebende Paar über ein eigenes Zimmer verfügt. Für Kinder gelten weitere Kriterien: So wird eine Wohnung als überbelegt eingestuft, wenn sich mehr als zwei Kinder unter zwölf Jahren oder zwei gleichgeschlechtliche Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren ein Zimmer teilen müssen. Neben beengten Wohnverhältnissen kann Psychiater Adli zufolge auch soziale Isolation chronischen Stress verursachen. Besonders betroffen seien ältere Menschen mit eingeschränkter Mobilität und geringem Aktionsradius sowie Menschen, die sprachliche oder kulturelle Barrieren überwinden müssen. Und nicht selten träfen Dichtestress und Isolationsstress aufeinander. Ein psychisches Gesundheitsrisiko in den Städten stellt nach Angaben von Adli auch die Feinstaubbelastung dar. So können besonders kleine Partikel die natürlichen Filtermechanismen der Atemwege überwinden und über die Lunge in die Blutbahn gelangen. Von dort aus erreichen sie auch das Gehirn, wo sie Entzündungsprozesse auslösen können. Hohe Feinstaubwerte gehen mit reduzierter Aktivität in stressregulierenden Hirnregionen einher. Das hat Adli mit seinem Team in einer Stiudie mittels funktioneller Kernspintomografie gezeigt. Studien zeigen zudem, dass Menschen, die in Gebieten mit hoher Feinstaubbelastung leben, ein erhöhtes Risiko für Demenz, Angststörungen und Depressionen haben. Auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmte Krebsarten werden mit Feinstaub in Verbindung gebracht. Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur starben allein im Jahr 2022 in Deutschland mehr als 32.000 Menschen vorzeitig an den Folgen der Feinstaubbelastung. Um die Luftqualität zu verbessern, hat die Europäische Union im Jahr 2024 ihre rund 20 Jahre alte Luftqualitätsrichtlinie überarbeitet. Ab 2030 sollen europaweit strengere Grenz- und Zielwerte verbindlich gelten. Die Ärzteschaft, darunter die Bundesärztekammer, begleitete den Novellierungsprozess kritisch und sprach sich – vergeblich – für noch strengere Standards aus, die sich stärker an den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation orientieren. Weitere Stressfaktoren sind Studien zufolge Lärm und künstliches Licht. Während Lärm den Stresspegel erhöht und langfristig zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Konzentrationsproblemen und Schlafstörungen beitragen kann, stört künstliches Licht den natürlichen zirkadianen Rhythmus, schwächt das Immunsystem und kann das Risiko für Diabetes, Übergewicht und Depressionen erhöhen. Der Mensch im Fokus Um Deutschlands Städte gesünder zu gestalten, müsse die Stadtplanung ihren Fokus verändern, fordert Psychiater Adli. Statt Städte vor allem für den Autoverkehr zu planen, sollten die Bedürfnisse der Menschen stärker in den Mittelpunkt rücken. Ein wichtiger Schritt seien bereits Lärmschutzkonzepte und die Einführung von Tempo-30-Zonen in Wohngebieten gewesen. Dennoch würden Menschen in der Stadtplanung häufig noch primär als Konsumenten oder Pendler betrachtet und weniger als soziale und emotionale Wesen. Nötig seien mehr öffentliche Räume und kulturelle Angebote, die Begegnungen ermöglichen. „Verbundenheit ist das beste Mittel gegen Isolation und schädlichen Stress“, betont Adli. Auch ein hoher Anteil an Grünflächen könne dazu beitragen, Stress abzubauen, die Luftqualität zu verbessern und im Sommer städtischer Hitze entgegenzuwirken. Grünflächen fördern direkt und indirekt die psychische Gesundheit. Eine gesunde Stadtplanung war in diesem Jahr im Mai auch Thema beim 130. Deutschen Ärztetag. In einem Antrag forderten die Delegierten die Bundesregierung auf, Städte und Kommunen so weiterzuentwickeln, dass sie die Kriterien einer „herzgesunden Stadt“ erfüllen. Dazu zählt das Ärzteparlament eine deutliche Reduzierung von Feinstaub- und Stickoxidbelastungen sowie eine Stadtplanung, die Wohngebäude, Schulen und Parks möglichst fern stark befahrener Verkehrsachsen vorsieht. Zugleich müsse das Konzept der „Stadt der kurzen Wege“ konsequent umgesetzt werden. Dies sieht eine Stadtstruktur vor, in der Wohnen, Arbeiten, Nahver-
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