Rheinisches Ärzteblatt 07/2026

Rheinisches Ärzteblatt / Heft 7 / 2026 21 Spezial sorgung sowie Bildungs- und Freizeitangebote räumlich eng miteinander verknüpft sind. Als Orientierungswert nennen Stadtplaner eine Erreichbarkeit innerhalb von maximal 15 Minuten. Das Zurücklegen alltäglicher Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad könne die Lebenserwartung gegenüber dem täglichen Pendeln mit dem Auto erhöhen und zugleich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken, heißt es in dem Antrag des Deutschen Ärztetages. Auch beim Hitzeschutz sehen die Delegierten dringenden Handlungsbedarf. Sie forderten unter anderem die rasche Umsetzung kommunaler Hitzeaktionspläne sowie die Entsiegelung möglichst vieler Flächen. Vor allem während sommerlicher Hitzewellen entwickeln sich dicht bebaute Stadtquartiere zunehmend zu Wärmeinseln. Schon heute stellt Hitze in Städten ein erhebliches körperliches und psychisches Gesundheitsrisiko dar. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums starben im Jahr 2024 rund 3.000 Menschen an den Folgen hitzebedingter Erkrankungen; im Hitzesommer 2022 waren es sogar mehr als 4.000. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Personen mit Vorerkrankungen sowie Säuglinge und Kleinkinder. Klimaforscher gehen davon aus, dass Hitzewellen künftig häufiger auftreten und länger andauern werden. Einen wichtigen Beitrag zur Abkühlung leisteten Grünflächen, die das Stadtklima positiv beeinflussen. Das Ärzteparlament sprach sich folglich für mehr kühle Rückzugsorte und öffentliche Trinkbrunnen aus. In Frankreich habe es sich beispielsweise etabliert, dass klimatisierte Museen, Bibliotheken oder andere öffentliche Einrichtungen während extremer Hitze als Zufluchtsorte dienen. Schließlich seien auch die Reduzierung von Verkehrslärm und die Begrenzung nächtlicher Lichtverschmutzung wichtige Bausteine einer gesundheitsfördernden Stadtentwicklung, betonten die Delegierten. Dass das Leben in der Stadt nicht zwangsläufig der Gesundheit schaden muss, zeigen Beispiele aus europäischen Nachbarländern. Kopenhagen, Wien und Amsterdam gelten vielen als Vorbilder für das Zusammenspiel von Stadtplanung, Mobilität und Klimaschutz. Was die Städte verbindet, ist eine Stadtentwicklung, die den öffentlichen Raum konsequent auf die Bedürfnisse der Menschen ausrichtet statt auf den Autoverkehr. Bewegung, Begegnung und Aufenthaltsqualität stehen dabei im Mittelpunkt. Wien verfolgt seit Jahrzehnten das Ziel, breiten Bevölkerungsschichten bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Ein zentraler Baustein des „Wiener Modells“ sind rund 220.000 kommunale sowie weitere 200.000 geförderte Wohnungen. Einheitliche Vergabekriterien sollen eine soziale Durchmischung fördern. Inzwischen lebt nahezu die Hälfte der Wiener Bevölkerung in einer Wohnung des sozialen Wohnungsbaus. Paris verfolgt seit 2015 das Ziel, sich zur „15-MinutenStadt“ zu entwickeln. Alle wichtigen Orte des täglichen Lebens sollen zu Fuß oder mit dem Fahrrad innerhalb von 15 Minuten erreichbar sein. Um dieses Ziel zu erreichen, investierte die Stadt innerhalb von fünf Jahren 150 Millionen Euro in den Ausbau der Radinfrastruktur und verdoppelte ihr Radwegenetz. Zugleich wurde der Autoverkehr eingeschränkt: Seit 2021 gilt auf nahezu allen Straßen Tempo 30. Darüber hinaus werden Dächer begrünt und knapp 170.000 neue Bäume gepflanzt, um sogenannte urbane Wälder zu schaffen und das Stadtklima zu verbessern. Amsterdam gilt weltweit als Fahrradhauptstadt und zählt mehr Fahrräder als Einwohner. Rund 40 Prozent aller Wege werden dort mit dem Rad zurückgelegt. Dafür steht ein mehr als 400 Kilometer langes Netz an Radwegen zur Verfügung. Auch in Nordrhein-Westfalen gibt es Städte, die ähnlich ambitionierte Ziele verfolgen. So hat sich zum Beispiel Bonn auf den Weg zur fahrradfreundlichen Stadt gemacht. Ziel ist es nach Angaben der Stadt, den öffentlichen Raum gerechter aufzuteilen und dem Fuß- und Radverkehr mehr Platz einzuräumen. Darüber hinaus sollen Busse und Bahnen im Rahmen der Bonner Mobilitätswende gestärkt werden. Die Neuverteilung des Straßenraums soll zugleich mehr Raum zum Verweilen und für soziale Begegnungen schaffen. Auch Ästhetik zählt Den Begriff „Neurourbanistik“ hat sich Adli einfallen lassen nachdem es für diese Art von Forschung bisher keinen richtigen Begriff gab. Gemeinsam mit seinem Team analysiert er, welche Emotionen Menschen empfinden, während sie sich durch die Stadt bewegen. „Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass Orte, die von den Probanden als interessant wahrgenommen werden, im Durchschnitt niedrigere Stresswerte zeigen“, sagt Adli. Solche Orte fesselten die Aufmerksamkeit, verlangsamten den Alltag und lüden zum Verweilen ein. Auch Schönheit und ästhetische Qualität korrelieren mit geringeren Stresswerten. Auch wenn die genaue Kausalbeziehung noch unerforscht ist, lohne es sich für Stadtplaner, nicht nur in Funktionalität, sondern auch in die gestalterische Qualität öffentlicher Räume zu investieren. Was Menschen als schön oder interessant empfinden, sei allerdings individuell verschieden, betont Adli. Welche Orte als besonders ansprechend wahrgenommen werden, liege letztlich im Auge des Betrachters. Um gesundheitliche Aspekte frühzeitig in Stadt- und Planungsvorhaben einzubeziehen, hat das nordrhein-westfälische Landesamt für Gesundheit und Arbeitsschutz den „Leitfaden Gesunde Stadt“ erarbeitet. Er soll die Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsämtern sowie Akteuren aus Stadtplanung, Umwelt und Sozialwesen stärken und die Berücksichtigung gesundheitlicher Belange in kommunalen Entwicklungsprozessen fördern. Der Leitfaden basiert auf einer für NRW angepassten australischen „Healthy Urban Development Checklist“. Mehr dazu unter: Der NRW-Leitfaden zur gesunden Stadt

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