Rheinisches Ärzteblatt 08/2026

16 Rheinisches Ärzteblatt / Heft 8 / 2026 Spezial langten und von Politik und Verwaltung als Grundlage für Entscheidungen herangezogen würden, heißt es in dem Antrag, über den am 25. Juni 2026 im Bundestag abschließend debattiert wurde. Global agierende Agenturen Der Antrag stieß auf breite Ablehnung durch die anderen Parteien im Bundestag. Ein real existierendes Problem werde als Hebel genutzt, um Kontrollmechanismen einzufordern, die im Kern die Wissenschaftsfreiheit massiv gefährdeten, hieß es etwa aus den Reihen der SPD-Fraktion. Qualitätssicherung müsse durch die Wissenschaft selbst erfolgen. Andere warfen der AfD vor, über die Prüfstelle steuernd Einfluss auf die Wissenschaft nehmen zu wollen. Erkennbar sei hier das klassische Drehbuch des Autoritarismus. Es sei Angelegenheit der Wissenschaft selbst, der Herausforderung durch die „Paper Mills“ entgegenzutreten. Gegen das von der AfD geforderte Kontrollgremium wurde deutlich Stellung bezogen. Dass grundsätzlich ein Problem beim wissenschaftlichen Publizieren besteht, von dem nicht zuletzt die Medizin betroffen ist, stand nicht zur Debatte und wurde auch von Vertretern der anderen Fraktionen nicht bestritten. Die Zahl der Veröffentlichungen, die sich mit „Paper Mills“ und „Predatory Journals“ befassen, dazu auch Forschungsergebnisse vorlegen und auf dringenden Handlungsbedarf hinweisen, ist in den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen. Als „Paper Mills“ werden global agierende kommerzielle Agenturen bezeichnet, die zumeist mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) auf der Grundlage öffentlich zugänglicher oder gefälschter Daten Manuskripte im Kundenauftrag erstellen oder zum Verkauf anbieten. Sie kümmern sich auf Wunsch um die Veröffentlichung in mehr oder minder zweifelhaften Journalen unter Umgehung eines regulären PeerReview-Verfahrens. Im Angebot ist oft auch der Verkauf von Autorenschaften an einem zur Publikation eingereichten oder bereits angenommenen Manuskript. Unter „Predatory Journals“ versteht man unseriöse Pseudo-Fachzeitschriften, deren Geschäftsmodell darin besteht, von Autorinnen und Autoren in der Regel unter Vorspiegelung falscher Tatsachen hohe Publikationsgebühren für eine schnelle Open-Access-Veröffentlichung ihrer Forschungsergebnisse zu verlangen. Oft werden Websites, Namen oder Merkmale renommierter Zeitschriften imitiert, um Interessenten anzulocken. Ein regelgerechtes Review-Verfahren findet nicht statt. Häufig wird auch nur das Geld von Autoren kassiert, ohne dass es irgendeine Gegenleistung gibt. Unseriöse Anbieter in Form von „Paper Mills“ und „Predatory Journals“ bedienen weltweit die Nachfrage auf einem Markt, der insbesondere dadurch gekennzeichnet ist, dass die Bewertung eines Wissenschaftlers oder einer Wissenschaftlerin vor allem auf Grundlage des Umfangs der Publikationsliste erfolgt. Gerade auch in der Medizin hängt die wissenschaftliche Karriere oft von der Zahl der Publikationen in Peer-Review-Zeitschriften ab – „publish or perish“ lautet eine im Medizinbetrieb gängige Redewendung. Da mag derjenige, der wenige qualitativ hochwertige Veröffentlichungen vorlegen kann, ins Hintertreffen geraten gegenüber demjenigen, der als „Paper Mill“-Kunde für pseudowissenschaftlichen Ausstoß gesorgt hat. In welchem Ausmaß die unterschiedlichen Formen betrügerischen Handelns bei Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Journalen zum Tragen kommen, ist allerdings unbestimmt, was wenig überraschend ist, da es in der Natur der Sache liegt, möglichst unentdeckt zu bleiben. Zudem gibt es unter dem Einsatz von KI eine große Grauzone, bei der die Zuordnung schwerfällt – beispielsweise, wenn Forschungsergebnisse auf der Grundlage von frei zugänglichen Datenbanken wie dem US National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) oder der UK Biobank präsentiert werden. Hier gibt es mithilfe von KI immer neue Möglichkeiten, quasi automatisiert unter minimal veränderter Fragestellung neue Ergebnisse zu produzieren und in ein wissenschaftliches Format zu bringen. Schätzungen zufolge wurden von den Manuskripten, die in den Jahren von 2019 bis 2021 bei wissenschaftlichen Journalen zur Veröffentlichung eingereicht wurden, rund zwei Prozent von „Paper Mills“ produziert. Eine in den Niederlanden durchgeführte Befragung unter den Angehörigen verschiedener akademischer Fachrichtungen ergab, dass rund vier Prozent der Befragten angaben, Forschungsergebnisse komplett erfunden oder in ihrem Sinne verfälscht zu haben. Vorliegende seriöse Studien zeigen, dass im Bereich der Medizin insbesondere die biomedizinische Grundlagenforschung von den betrügerischen Aktionen der „Paper Mills“ betroffen ist. So fiel beispielsweise in onkologischen Fachzeitschriften in den untersuchten Veröffentlichungen eine zunehmend hohe Fehlerrate bei der Zuordnung von Nukleotidsequenzen auf, was den Verdacht nahelegte, dass es sich hierbei um Produkte aus „Paper Mills“ handelte. Großes Aufsehen erregte im Jahr 2023 der Fall des zwei Jahre zuvor vom Wiley-Verlag übernommenen Open-Access-Verlags Hindawi mit Hauptsitz in London. Mehr als 8.000 der dort im Laufe der Jahre veröffentlichten Paper wurden zurückgezogen, weil sie mit „Paper Mills“ in Verbindung gebracht werden konnten. Bei aller Sorge über die Zunahme wertloser oder gefälschter Studien und das Agieren von „Predatory Journals“ in der Medizin sollten die Auswirkungen auf die Versorgung realistisch eingeschätzt werden, meint Professor Dr. Christopher Baethge, Leiter der Medizinisch-Wissenschaftlichen Redaktion des Deutschen Ärzteblattes. Selbstverständlich sei es wichtig, betrügerisches Handeln in der Medizinpublizistik ausfindig zu machen und zu sanktionieren; darüber hinaus müsse aber konkret der Frage nachgegangen werden, welche Konsequenzen sich daraus für die medizinische Versorgung ergeben. „Wie oft landen gefälschte Ergebnisse in klinischen Leitlinien?“, wäre für ihn beispielsweise ein Forschungsansatz, der darüber Aufschluss geben könnte. Baethge, als Mitglied im International Commit-

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