Rheinisches Ärzteblatt / Heft 11 / 2026 17 Spezial zugleich rückten Phänomene wie Cybermobbing immer früher in die Lebenswelt der Kinder. Besonders deutlich zeigt sich der Wandel nach Einschätzung von Rudolph beim Thema Sexualerziehung. Wenn im kommenden Halbjahr, gegen Ende der vierten Klasse, Sexualkunde auf dem Stundenplan der Rentierklasse steht, wird sie erneut auf die Unterstützung von Mittag zurückgreifen. Bei einem Unterrichtsbesuch erklärt die Ärztin beispielsweise mithilfe eines Geburtenmodells, wie ein Kind zur Welt kommt. Vor allem aber nimmt sie sich Zeit für die Fragen der Kinder. Das grundsätzliche Interesse daran, wie ein Kind geboren wird oder wie Zwillinge entstehen, habe sich in den vergangenen 25 Jahren kaum verändert, ergänzt Patenärztin Mittag. Die Fragen seien allerdings deutlich konkreter geworden. In einer anonymen Fragerunde habe sie sich etwa mit Fragen danach konfrontiert gesehen, was eine „Prostituierte“ sei oder was unter „Pornos“ verstanden werde. Dass Kinder bereits im Grundschulalter mit solchen Begriffen in Berührung kommen, führt Mittag auch auf die zunehmende Nutzung des Internets und sozialer Medien zurück. Dort würden sie mitunter mit Inhalten konfrontiert, die sie aufgrund ihres Alters noch nicht einordnen könnten. „Umso wichtiger ist, dass wir den Kindern solche Fragen offen beantworten, damit sie im schlimmsten Falle nicht danach googeln oder die KI fragen“, sagt Mittag. Bei den Elternabenden, die sie im Rahmen von Gesund macht Schule besucht, wirbt sie deshalb dafür, Kindern altersgerechte und verlässliche Informationen zu vermitteln. Auch beim Elternabend an der Martinus Schule, der wenige Tage vor ihrem Besuch in der Rentierklasse zum Thema Pubertät stattfand, stand die Frage im Mittelpunkt, wie Eltern ihre Kinder durch diese Entwicklungsphase begleiten können. Knapp 80 Mütter und Väter der vierten Klasse kamen an diesem Septemberabend im „Tanzsaal“ der Schule zusammen. Mittag informierte unter anderem über Cybergrooming, das gezielte Ansprechen von Kindern und Jugendlichen durch Erwachsene im Internet mit dem Ziel, sexuelle Kontakte anzubahnen oder Missbrauch vorzubereiten. Häufig finde dies in sozialen Netzwerken oder Online-Spielen statt. Eine Studie der Landesanstalt für Medien NRW kam zu dem Ergebnis, dass 16 Prozent der unter 14-Jährigen bereits Erfahrungen mit Cybergrooming gemacht hatten. Bei einigen Eltern lösten die Informationen Betroffenheit aus. Andere fragten, warum Kinder in diesem Alter überhaupt über eigene Social-MediaAccounts verfügten oder unbegleitet das Internet nutzten. Mittag betont die Bedeutung einer offenen Sexualaufklärung: „Im Sexualkundeunterricht lernen Kinder auch, Grenzen zu setzen und sich Erwachsenen anzuvertrauen, wenn sie mit solchen unangemessenen Kontakten konfrontiert werden.“ Das Interesse der Eltern an der Martinus Schule ist groß. Doch Mittag weiß, dass die Offenheit gegenüber Sexualaufklärung nicht überall selbstverständlich ist. Insbesondere an Schulen in sozial schwächeren Regionen beobachte sie, dass Sexualität teilweise wieder stärker zum Tabuthema werde. Eltern fragten mitunter, ob Sexualkundeunterricht bereits im Grundschulalter notwendig sei und ob das Thema Homosexualität dort angesprochen werden müsse. Mittag nehme sich in solchen Fällen Zeit für die Bedenken der Eltern und versuche, diese mit sachlichen Argumenten auszuräumen. Bislang ist es ihr nach eigener Aussage stets gelungen, die Eltern davon zu überzeugen, dass es besser sei, dass Aufklärung im Elternhaus oder der Schule geschehe als über dubiose Seiten im Internet. Gesundheit gehört in die Schule Mit ihrem Engagement trägt Mittag dazu bei, die Gesundheitskompetenz der Kinder vor Ort zu stärken. Zugleich sieht sie die Grenzen ihres Engagements: Es sei letztlich ein „Tropfen auf den heißen Stein“. Um die Kindergesundheit in Deutschland nachhaltig zu stärken, müsse mehr getan werden. Auch Dr. Sven Dreyer, Präsident der Ärztekammer Nordrhein, blickt mit Sorge auf die aktuellen Entwicklungen. Nach Angaben des Deutschen Schulbarometers der Robert Bosch Stiftung von Juni 2026 zeigten etwa ein Viertel der acht- bis 17-Jährigen Hinweise auf eine hohe psychische Belastung. Zugleich bewegten sich viele Kinder und Jugendliche zu wenig, erklärte Dreyer in einem Statement zum Weltkindertag am 20. September. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts erreichten lediglich 10,8 Prozent der Mädchen und 20,9 Prozent der Jungen im Alter von elf bis 15 Jahren die Empfehlung von mindestens 60 Minuten Bewegung täglich. Auch die Nutzung sozialer Medien bereitet Dreyer Sorgen. Einer Untersuchung der DAK zufolge zeigten mehr als ein Viertel der zehn- bis 17-Jährigen problematische Nutzungsmuster; etwa sieben Prozent galten als abhängig. Für Dreyer ist deshalb auch das Bildungswesen gefordert. Gesund macht Schule leiste einen wichtigen Beitrag, um die Gesundheitskompetenz von Kindern punktuell zu stärken. Gesundheit müsse jedoch dauerhaft und verbindlich in der Schule verankert werden. Bislang würden Gesundheitsthemen vielfach freiwillig behandelt, etwa im Sachunterricht. „Gesundheit muss fest im Lehrplan verankert und mit entsprechenden Ressourcen hinterlegt werden“, fordert Dreyer. Bereits 2017 hatte der Deutsche Ärztetag erstmals ein eigenes Schulfach Gesundheit gefordert. Dabei solle es nicht darum gehen, weiteres Faktenwissen für Klassenarbeiten zu vermitteln, so Dreyer. Im Mittelpunkt sollten vielmehr praktische und lebensnahe Kompetenzen stehen, von psychischer Gesundheit über Bewegung und Ernährung bis hin zur Medienkompetenz. Dafür müssten auch Lehrkräfte in Aus- und Fortbildung entsprechend qualifiziert werden. Alle Informationen zum Präventionsprogramm: www.gesundmachtschule.de Kontakt: Snezana.Marijan@aekno.de Gesund macht Schule auf einen Blick
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