WERDER MAGAZIN Nr. 308 - page 83

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ine weit verbreitete Mei-
nung lautet: „Torhüter
sind verrückt!“ Dem
stimmt Michael Jürgen
sofort zu, ergänzt aber lachend:
„Positiv verrückt.“ Schon immer
wollte er zwischen den Pfosten
stehen. Der 39-Jährige mag die
speziellen Eigenheiten dieser
Position. „Ein Torhüter muss
auch mal in heiklen Situationen
klären, sich dazwischen werfen
– da muss man einfach ein biss-
chen anders sein.“
Seine Laufbahn
verlief dabei nicht
geradlinig. „In der Jugend war ich
die klare ‚Nummer 1‘“, erzählt
der Niedersachse. Durch gute
Leistungen beim Regionalligis-
ten Arminia Hannover weckte er
das Interesse von Thomas Schaaf,
dem damaligen Trainer von Wer-
ders U 23. 1999 wechselte der
Keeper an die Weser. „Irgend-
wann hat es sich so eingespielt,
dass ich die gute ‚Nummer 2‘ hin-
ter jeweils einem jungen Torwart
war“, sagt er. „Trotzdem habe ich
immer weiter auf meine Chance
gehofft.“ Die Aussicht, später Tor-
warttrainer zu werden, erleich-
terte ihm seine Rolle als Reservist.
„Ich habe der ‚Nummer 1‘ immer
geholfen und Tipps gegeben. Das
war für mich der ideale Weg“, so
Michael Jürgen heute.
Auf der Suche
nach Karriere-High-
lights wird er in seiner Erinne-
rungskiste schnell fündig. Sofort
fällt ihm eine Partie von Werders
zweiter Mannschaft im DFB-Pokal
ein. Der Gegner damals: Bayern
München. „Darauf blicke ich sehr
stolz zurück“, erzählt der 39-Jäh-
rige. Schließlich ist Michael Jür-
gen seit seiner Kindheit Fan des
FC Bayern. „Das ist bei Werder
bekannt“, erklärt er und ergänzt
schmunzelnd: „Unser Trainer,
Thomas Wolter, hat damals sogar
bei der Pressekonferenz vor dem
Spiel gesagt, dass bei ihm ein Bay-
ern-Fan spielen wird.“
Seine aktive Karriere
hat Micha-
el Jürgen 2007 beendet. Zum
ersten Mal. Drei Jahre später
kam er völlig unerwartet zu
seinem wirklich letzten Einsatz.
Werders U 23 trat am 36. Spieltag
der Saison 2009/2010 gegen den
SV Sandhausen an. Damals absol-
vierte er als Torwarttrainer noch
jede Einheit aktiv mit. In der
Woche vor dem Spiel fiel die ers-
te ‚Riege‘ der Keeper aus. „Dann
waren noch zwei Torhüter übrig.
Ein jüngerer Spieler und ich“, er-
innert sich Michael Jürgen. Tho-
mas Wolter entschied sich für
den Einsatz des erfahrenen Tor-
warts. 22 Stunden vor Anpfiff der
Begegnung.
Nach drei Jahren
ohne Spielpraxis
war er entsprechend nervös, zu-
mal über der Partie das ‚Abstiegs-
gespenst‘ schwebte. Seine Sorgen
erwiesen sich jedoch als unbe-
gründet, denn Werder gewann
das Spiel mit 3:0 – und Jürgen
bereitete sogar den Führungstref-
fer indirekt vor. „Timo Perthel lief
zum Freistoß an, und ich habe
ihm von hinten zugerufen, dass
er in die Torwartecke schießen
soll“, erzählt er. Die Euphorie
schwingt beim Erzählen noch
immer in seiner Stimme mit.
„Das hat er gemacht, und der Tor-
wart war so irritiert, dass er in
die andere Ecke gesprungen ist.“
Inzwischen arbeitet
Michael
Jürgen ausschließlich als Tor-
warttrainer. „Für mich ist es das
Größte, auf dem Platz zu stehen
und mit den Jungs zu trainieren“,
sagt er. Derzeit ist der 39-Jährige
für alle Nachwuchsmannschaf-
ten bis hinauf zur U 19 zustän-
dig. Zu seinen ‚Jungs‘ zählte einst
auch Sebastian Mielitz. „Ich bin
stolz darauf, dass ich ihn trainiert
habe“, sagt der Torwart-Coach
über seinen Schützling. Michael
Jürgen hat auf dem Rasen seinen
Traumjob gefunden. Irgendwann
würde er gerne Trainer im Profi-
Bereich werden. Wenn er nicht
noch einmal zwischen die Pfos-
ten muss…
Laura Ziegler
Traumjob? Ja, klar!
Gleich zwei
Mal beendete Michael Jürgen seine Karriere als Tor-
wart. Inzwischen steht er als Trainer auf dem Platz.
Torwarttrainer mit Leib
und Seele
„Für mich
ist es das Größte,
auf dem Platz zu
stehen und mit den
Jungs zu trainieren“,
sagt Michael Jürgen.
Foto: M. Rospek
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